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B'nai B'rith · 1925-02-01 · 2 (2.1925) · p. Seite 27

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Journal
B'nai B'rith
Volume
4 (1925)
Issue
2 (2.1925)
Date
1925-02-01
Page
Seite 27 (sequence 3)
Language
German
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27 Vernunft entstandene Moralgesetz ist autonom, d. h. unabhängig von jeder göttlichen oder menschlichen Autorität. (Nicht weil ein Gott oder ein heiliges Buch oder sonst eine mit Autorität bekleidete Person mir befiehlt, sondern weil meine eigene Vernunft mir sagt: du sollst! — soll ich so oder so handeln.) Der autonome Charakter des Moralgesetzes gibt ihm erst die Weihe der Sittlichkeit. An dem kategorischen Imperativ besitzen wir ein Kriterium, einen sicheren Maßstab für die Bewertung der verschiedenen moralischen Ansichten und Handlungen in bezug auf ihren Gehalt an einer reinen Sittlichkeit. Fragen wir uns z. B.: Warum sollen wir ein gegebenes Wort halten? So sollen wir erwägen: Wenn jeder sein Wort bräche, sobald Worthalten unbequem wird, so schwände jedes Vertrauen auf ein gegebenes Wort und damit Treu und Glauben im Verkehr der Menschen. So versteht man die Formel, in die Kant seinen kategorischen Imperativ gefaßt hat: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne", oder anders gesagt: „Handle nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, daß sie allgemeines Gesetz werde." Hier sind wir schon auf dem Höhepunkte der Ethik Kants angelangt; von hier aus wollen wir einen Blick auf die Moral des Judentums werfen. Wir müssen uns vor allem darüber klar sein, in welchem Sinne allein eine Vergleiehung oder Konfrontation einer philosophischen mit der religiösen Ethik möglich ist. In der Art ihrer Begründung und in ihrem methodischen Aufbau ist eine philosophische Ethik grundverschieden von der religiösen. Nur im Inhalt ihrer sittlichen Ideale und moralischen Forderungen können beide zusammentreffen. Man vergleiche nur die obige Kantsche Formel mit der „goldenen Regel" Hillels, die man übrigens auch bei Griechen, im Neuen Testament und bei Buddha findet: „Was dir verhaßt ist, tue auch dem anderen nicht", in formaler und inhaltlicher Hinsicht, um sich des fundamentalen Unterschiedes beider bewußt zu werden. Kants Untersuchung wie die jeder philosophischen Ethik ist ja auf den Ursprung und den Grad der Gewißheit des sittlichen Urteils gerichtet, indes die Frage nach dem Ursprung der sittlichen. Erkenntnis und nach der inneren, psychologischen Sanktion dem religiös gerichteten Judentum fremd ist. Dem jüdischen Denken handelt es sich von Haus aus nicht um das Woher und Warum, sondern um das Was der Moral. Ursprung und Sanktion der Moral ist gegeben, steht geschrieben. Denn alles, was die Bibel an Geboten der Religion und Moral enthält, ist Gottes Wort, ist göttliches Gebot, vor welchem das menschliche Denken bescheiden und ehrfurchtsvoll zurücktreten muß (vergl. Sprüche Salomos 3, 5: Vertrau auf Gott mit deinem ganzen Herzen und stütze dich nicht auf deine Vernunft). Dieses gläubige, ehrfurchtsvolle Fürwahrhalten der von Gott gebotenen, in der Thora enthaltenen Moralgesetze bildete eben das Ethos, die seelische Grundstimmung des Judentums auch in Sachen der Moral. Ich bin allerdings der Meinung, daß wie die Moral im allgemeinen, so auch die des Judentums ein Produkt der geistigen Entwicklung ist. Deutliche Spuren der bewußt gewordenen religiösen Grundstimmung der Moral im Gegensatz zur Vernunftethik und Chochma zeigen namentlich die ersten Kapitel der Sprüche Salomos, die offenbar gegen die griechischen

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