B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 2 (2.1925)
- Date
- 1925-02-01
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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26 Dr. J. Hirsch: Kant, das Judentum und die Ordensidee. (Vortrag, gehalten am 17. Jänner 1925 in der w. ..Bohemia".) Kant hat seine Philosophie eine kopernikanische Tat genannt. Mit diesem Vergleich ist sie am kürzesten und besten gekennzeichnet. Kopernikus hat bekanntlich der alten geozentrischen Anschauung, daß die Erde den Mittelpunkt des Weltalls bildet, die neue heliozentrische gegenübergestellt, daß die Erde mitsamt den anderen Sternen um die Sonne sich bewegt. Ähnlich lehrte Kant in bezug auf die Welt und die Naturerscheinungen: Der Mensch ist das Zentrum und sein Denken ist das Maß aller Dinge. Die Vernunft des Menschen ist gleichsam die Sonne, die den Dingen erst Wirklichkeit gibt; sie formt die sinnlichen Eindrücke durch ihre Anschauungen (Raum und Zeit) und durch ihre Begriffe oder Kategorien (Ursache und Wirkung) zu psychischen Erlebnissen, zu Erkenntnissen. Um die Vernunft dreht sich alles; durch sie erhält erst der Rohstoff der Welt Form, Zusammenhang, Wirklichkeit. Die Vernunft beleuchtet aber nicht bloß die Erscheinungen der Natur, in welche sie als „reine Vernunft" ihre Denkgesetze als sog. Naturgesetze hineinträgt, — während was hinter den Erscheinungen ist, „das Ding an sich" ein dunkles Rätsel bleibt. — sie stellt auch als „praktische Vernunft" für die innere Welt des Wollens und für das weite Gebiet des menschlichen Handelns Richtlinien, Normen, sog. Moralgesetze auf. Nur ist ein Unterschied zwischen Natur- und Moralgesetzen. Die Naturgesetze drücken ein Müssen, die Moralgesetze ein Sollen aus. (Der weggeschleuderte Stein muß zur Erde fallen: der Mensch soll edel, hilfreich und gut sein.) Hier Natur, dort Freiheit: hier die Welt der Erscheinungen, dort die Welt der Ideen. Der Mensch ist Bürger dieser zwei Welten; er trägt ein doppeltes Gesetz in sich: Sinnlichkeit und Geistigkeit, Trieb und Vernunft sind in ihm in beständigem Kampfe und ringen miteinander um die Herrschaft. Wären wir bloß denkende Geister, so würde auch das Moralgesetz in Form eines Naturgesetzes unseren Willen bestimmen und unser Handeln regeln. Da wir aber auch sinnliche Wesen sind und von Trieben beherrscht werden, die das klare Denken trüben und den vernünftigen Willen hemmen, so spricht das Moralgesetz zu uns in der Form des Imperativs: du sollst. Nun gibt es verschiedene Imperative: bedingte und unbedingte. Die Diktate der sog. Klugheitsmoral sind nur bedingte oder hypothetische Imperative, z. B.: wenn du als Kaufmann prosperieren willst, darfst du deine Kunden nicht übervorteilen. Das Moralgesetz hingegen (du sollst die Wahrheit sprechen, sollst gerecht sein) gilt unbedingt, ohne Einschränkung, ist ein kategorischer Imperativ. Ein weiteres Merkmal des Moralgesetzes ist, daß ihm, ähnlich wie den Naturgesetzen, der Charakter absoluter Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit, nach Kant sogar der Apriorität, d. h. der Unabhängigkeit von jeder Erfahrung, zukommt (während die empirische Schule Brentanos den Ursprung der sittlichen Erkenntnisse in der inneren Erfahrung, in gewissen psychischen Akten des Liebens oder Billigens und Mißbilligens sucht), denn nach Kant stammt das Moralgesetz aus der Vernunft. Die praktische Vernunft gibt sich selbst das Gesetz, bestimmt das Wollen und Sollen. Das so aus der eigenen