B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (1.1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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20 Viktor Heim, der sich überhaupt urn die Durchführung des musikalischen Teiles des Programms große Verdienste erwarb, am Schlüsse der Festsitzung in hebräischer Sprache die Verse aus dem Psalm 92: Der Fromme sproßt wie die Palme: er wächst wie die Zeder auf dem Libanon. Im Tempel des Ewigen gepflanzt treiben sie Sprossen in den Vorhöfen unseres Gottes. Koch i m Alter tragen sie F r u c h t. werden ü pp i g u n d f r i s c h, zu verkünden, daß der Ewige gerecht ist, mein Fels und der, an dem kein Unrecht ist. Diese in ihrer Einfachheit und Größe überwältigende Poesie, so sinnig für den Ehrentag unseres Jubilars gewählt, übte, von der Kraft des hebräischen Idioms getragen, auf jeden, in dem noch die Verbundenheit mit altjüdi- 'schem Wesen lebendig war. eine nachhaltige Wirkung aus. An die Festsitzung schloß sich, . um die auswärtigen Gäste zu ehren, ein Festmahl im Speisesaal des Wiener Logenheimes an. Wegen der leidigen Raumverhältnisse konnten an dem Bankette nur die auswärtigen Gäste und die Beamtenräte der Wiener Logen teilnehmen. Präs. Br. Dr. A11 führte in bewährter Umsicht den Vorsitz. Erst hier konnten die Delegierten der einzelnen Logen ihre Glückwünsche vorbringen. Ein fesselndes und in seinen Einzelheiten treffend ausgeführtes Bild des böhmischen Juden, dernach Wien kommt, sich daselbst bildet und dann am Geistesleben der Großstadt entscheidend teilnimmt, entwarf Br. Expräs. Prof. Dr. Z a p p e r t. Seine zu einem Glückwünsche sich zuspitzende Studie des böhmischen Juden als typischer Erscheinung im Wiener Kulturleben ist ein wertvoller Beitrag für die Charakterologie. Br. Expräs. Langendorf überbrachte in warmen und herzlichen Worten die Glückwünsche der w. „Praga", Br. Expräs. 'Dr. Teil ei' aus Budweis die der w. „Allianz". Der Schreiber dieser Zeilen. sprach im Namen der w. „Bohemia". Nur derjenige, der in der Lage ist, solche Feste, ihres panegyrischen Charakters entkleidet, in einen höheren Zusammenhang des Geschehens zu stellen, wird einen dauernden Gewinn für die Erweiterung und Vertiefung des Ordensgedankens verzeichnen können. Alle solche Feste, die eine große Persönlichkeit feiern, rollen das weltgeschichtliche Führerproblem auf und bringen es mit der durchschlagenden Kraft des Gefühles zur Lösung. So groß auch nach der kollektivistischen Geschichtsauffassung der Anteil des Gesamtgeistes und der Masse am historischen Geschehen ist, darf doch nicht verkannt werden, daß die großen Persönlichkeiten, die führenden Geister, nicht allein die Ergebnisse des Gesamtgeistes sind, sondern auch, wie alles Lebendige, das Recht der Spontaneität für sich in Anspruch nehmen dürfen. Deshalb hatte Treitschke recht, wenn er immer wieder und wieder betonte, daß Männer die Weltgeschichte machen. Nicht nur von Kant und seinen Auslegern, auch von den führenden Persönlichkeiten überhaupt und der Masse gelten die Worte Schillers: „Wie doch ein einziger Reicher so viele Bettler in Nahrung Setzt! Wenn die Könige bau'n. haben die Kärrner zu tun!" Die führenden Männer sind die wahrhaft Reichen, die wirklichen Könige in der Menschheitsgeschichte. Auch unserem Bunde, der, frei vom AVillen zur Machtsegensreich wirkt, ist das Glück zuteil geworden, solche Führer zu besitzen, und einem solchen galt das erhebende Fest, das zu Ehren seines ■ 70. Geburtstages gefeiert wurde. Wenn Schopenhauer sagt, daß man erst im Alter die Einsieht in die Armut und Leere des Daseins gewinnt und erst im 70. Lebensjahre den ersten Vers des Kohelethbucb.es versteht, so kann diese grämliche Alters Weisheit im Wesen unseres Jubilars, des Großpräsidenten des österreichi-