B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (1.1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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7 typischer Ghettojude löst durch sein Äußeres in unseren Kulturkreisen eine gewisse Abneigung aus: also ästhetisch betrachtet, eine antisoziale Qualität, welche eine Gemeinschaft abwehrt. Die Erkenntnis etwaiger guter Eigenschaften wird durch das ästhetische Gefühl zumindest wesentlich erschwert. Jeder Fehler wird mit seiner äußeren Erscheinung in unlösbare Verbindung gebracht. Die gefühlsästhetische Einwirkung ist so groß, daß nicht nur die ganze Erscheinung, sondern auch ihre Teile für sich, wie z. B. die Physiognomie, die Haltung, Sprache, Gesten oder die Kleidung, selbst wenn sie an Mchtjuden wahrgenommen werden, Abwehrgefühle hervorrufen. Die Bedeutung dieses „ästhetischen Antisemitismus" sollte nicht unterschätzt werden. Ich wage zu behaupten, daß der Antisemitismus vollständig verschwinden würde, wenn sich alle Juden ihren Wirtsvölkern kulturell assimilieren könnten und wenn, das ist die Hauptsache, die anders oder minder kultivierten nicht zuwandern würden. Die meisten anders kultivierten Einwandet-er haben, ästhetisch gewertet, antisoziale Qualitäten, welche, wenn auch mit Unrecht und in diesem ungerechten Vorurteil besteht der eigentliche Antisemitismus. In ihrer Gesamtheit auf alle Juden übertragen werden, die auch nur einen verschwindend kleinen und gar nicht wesentlichen Zug dieser Einwanderer aufweisen. Dieser Zuzug bildet daher die wesentlichste Nahrung des Antisemitismus. Zusammenfassend kann man wohl behaupten, daß der Antisemitismus nicht so schlimm und gefährlich ist, wie allgemein vorgegeben wird. Von dem religiösen Antisemitismus bleibt in unseren Tagen nicht viel übrig. Es ist ein erfreuliches Zeichen, daß der Staat, und vor allem die Schule, den konfessionellen Religionen einen bescheideneren Platz zuweisen. Dort, wo noch nach dem Religionsbekenntnisse gefragt wird, handelt es sich in Wahrheit gar nicht um die Religion. Man schlägt eben den Sack und meint den Esel. Es sprechen aber Anzeichen dafür, daß man diesen Sack weiter zu schlagen nicht für würdig hält. Ein anderer Sack ist allerdings die „Rasse". Dieser Mode wird leider gehuldigt. Aber auch sie wird mit den Trachten verschwinden, welche das Ghetto zur Schaustellung schickt. Es sollte in erster Reihe eine der jüdischen Aufgaben sein, die gefühlsästhetischen Momente und ihre antisozialen Qualitäten in ihrer Wirkung zu studieren und ein schmerzloses, aber taugliches Heilmittel zu suchen. Da erscheint mir nur ein Mittel im allseitigen Interesse anwendbar: Kulturelle Assimilation der Staatsbürger-Juden, Verhinderung der Zuwanderung größerer Massen der Anderskultivierten zu den bereits Assimilierten. Dafür bereitet der Zionismus die erlösende Tat vor. Wennes ihm gelingen sollte, diesen Einwanderungsstrom in seine Bahnen zu lenken, dann würde uns allen die Verpflichtung obliegen, den Zionismus zu fördern, trotzdem sich viele von uns mit seiner nationalen Idee nicht einverstanden erklären können. Die große Idee des Judentums möge immer in ihrer kosmopolitischen Bedeutung liegen. Der Jude sei sich seiner Aufgabe bewußt, trotz der Erfüllung seiner staatsbürgerlichen Pflichten, ein Mahner zu sein, daß alle Menschen Brüder sind. Die Zerstreuung der