B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (1.1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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3 Feinde derselben Juden, von Haß und Neid oder, was mehr wahrscheinlich scheint, von Habsucht verblendet, damit sie das Hab und Gut selbiger Hebräer mit einem gewissen Anstand sich anzueignen imstande seien, ihnen fälschlich andichten, daß sie kleine Kinder umbringen, deren Blut trinken und andere verschiedene und •mannigfache ungeheuerliche Verbrechen begehen, welche sich namentlich gegen den besagten unseren Glauben richten, und in solcher Weise bemüht sind, die Gemüter der einfältigen Christen gegen sie aufzuhetzen, wodurch es geschieht, daß letztere häufig nicht bloß ihres Hab und Gutes, sondern sogar des Lebens in ungerechter Weise beraubt werden. In Erwägung, daß es unsere Pflicht ist, unsere Hilfe und Fürsorge selbigen Juden, da auch sie das Ebenbild Gottes haben und da ihr Überrest nach der Wahrheit unseres Glaubens selig werden wird, angedeihen zu lassen, damit sie nicht ungerediterweise von den Christen bedrückt....." etc. Es folgt dann die Einschärfung der Privilegien und die Strafandrohung bei ihrer Verletzimg-. Aus der Neuzeit ist Pius IX. als judenfreundlich bekannt. Auf seinen Befehl wurde der erniedrigende Huldigungsakt abgeschafft., den die Juden alljährlich vor dem Papste, dem Senator und den Konservatoren leisten mußten. Zahlreiche Anekdoten deuten auf sein ausgesprochenes Wohlwollen für Juden hin. Auch in der neuesten Zeit finden sich viele Fürsprecher der Juden unter dem Klerus. Ich erwähne beispielsweise den Jesuitenpater Viktor Kolb. welcher sich in seinen Predigten der Juden angenommen hat und gegen die österreichischen Antisemitenführer Lueger, Dötz, Vergani. Schönerer, Schneider usw. aufgetreten ist. Dostojewski beteuert in einem 1877 erschienenen „Die Judenfrage" benannten Aufsatze, daß der Russe keinen religiösen Haß auf den Juden habe. Wenn Windthorst im Deutschen Reiche seine Lanze gegen die Stöcker. Adolf Wagner und Bockel richtet und im preußischen Abgeordnetenhause am 22. November 1880 ausruft: „Keine Judenhetze, aber auch keine Christenhetze, und vor allem keine Katholikenhetze", so werte ich diese nicht vereinzelt stehende Stellungnahme als einen Beweis dafür, daß der religiöse Antisemitismus nicht spezifisch ist, d. h. daß religiöse Unduldsamkeit nicht nur gegen Juden gerichtet ist und den Antisemitismus ni c h t definiert. Es ist seit langer Zeit nicht so sehr die Religion, welche bekämpft wird, sondern vielmehr der politische oder wirtschaftliche Einfluß der Konfessionen oder ihrer hervorragenden Angehörigen. Bezeichnend ist, daß der deutsche Antisemitismus am Ende der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts mit den Bleichröder-Artikeln in der „Kreuzzeitung" begonnen hat, also eine sozial-wirtschaftliche Basis hatte. Ein lehrreiches Beispiel für das unspezifische des religiösen Antisemitismus ist Luther. In den ersten Jahren seiner Reformationsbestrebungen schmeichelt er den Juden, weil er glaubt, durch sie seine Machtstellung stärken zu können. 1523 schreibt er über Jesus und beklagt es, daß man die Juden wie Hunde behandelt hätte und nicht wie Menschen. Er knüpft daran die Hoffnung, daß bei einer freundlichen Behandlung der Juden und ihrer Unterweisung in der heiligen Schrift sich viele finden, die zum Christentum übertreten werden. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Julius Köstlin berichtet in seinem Werke: „Martin Luther: sein Leben und seine Schriften" (Elberferld