B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 4 (1925)
- Issue
- 1 (1.1925)
- Date
- 1925-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 wärtige deshalb nicht heilig zu sprechen, sondern mit den der Naturwissenschaft entlehnten Methoden zu prüfen und, soweit es die Vielgestaltigkeit menschlicher Natur erlaubt, zu beeinflussen. Definition und Beurteilung des Antisemitismus werden bei den Chassidim, den Orthodoxen und den Reformjuden ganz verschieden ausfallen. Die eifernden Chassidim werden seinen Fanatismus verstehen, die Orthodoxen ihn als Ausfluß göttlichen Willens ergeben betrachten, die Reformjuden seine wissenschaftliche Begründimg zu erforschen und Heilmittel für ihn zu finden bestrebt sein. Die Literatur scheidet sowohl bei Juden, als auch bei Ariern einen religiösen, religiös-wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Antisemitismus. Ich möchte im nachstehenden diese drei Hauptgruppen kurz streifen und ebenso kurz auf ästhetische Gründe des Antisemitismus hinweisen, welche nach meiner Meinung einen kleinen Beitrag zur Lösung des Problems zu bilden imstande wären. Glücklicherweise spielt der religiöse Fanatismus, den z. B. Johannes Scherr in seiner „Deutsehen Kultur- und Sittengeschichte", Doktor Heinrich Graf Coudenhove im „Wesen des Antisemitismus" als das Grundmotiv der Judenverfolgung, beziehungsweise des Antisemitismus ansehen, in unserer Zeit überhaupt und besonders in unseren Kulturkreisen eine so untergeordnete Rolle, daß es wohl schwer möglich, sein wird, ihm als Ursache judenfeindlicher Bestrebungen eine große Bedeutung beizumessen. Die dem Menschen angeborene Religiosität als Verhältnis zum Unendlichen, als Hingabe an eine unbegreifliche Allmacht ist an keine Kirche oder Konfession gebunden und Christen, Juden und Heiden in gleicher Weise gemeinsam, so daß sie unmöglich einen Religionshaß bewirken kann. Da ich für uns Juden schreibe, ist es überflüssig auf die Toleranz in unserem Schrifttum und in unserer Geschichte hinzuweisen. Wichtiger erscheinen mir diese Erwähnungen bei anderen Konfessionen. In der katholischen Kirche, welche wie jede Religionsgemeinschaft außer der großen Zahl der Mitläufer die beiden oben genannten Richtungen umfaßt, kann, wenn von den Religionskriegen und dem gegenseitigen Religionshaß früherer Zeiten abgesehen wird, auch von judenfreundlichen Ereignissen berichtet werden. So führt Ettore Natali in seinem 1887 erschienenen Werke über das römische Ghetto die Päpste Gregor IX., Nikolaus III., Martin V., Benedikt XIV., Clemens XIV. und Sixtus V. als judenfreundlich an. Alexander von Hübner erzählt im 1. Bande, Seite 293, seines Werkes über Sixtus V„ daß er die reichen Juden im Ghetto wohl nach allen Regeln der Kunst ausbeutete, dafür aber gegen Mißhandlungen außerhalb ihres Viertels schützte. Zu wiederholten Malen solle Rom sprachlos vor Erstaunen gesehen haben, wie Christen, welche Juden mißhandelt hätten, zur Promenadezeit von einem Ende des Korso zum anderen gepeitscht worden seien. Interessant ist die von Papst Paul in. im Jahre 1540 erlassene Bulle zum Schutze der bedrängten Juden in Ungarn. Böhmen und Polen. Es heißt darin u. a.: „Wir haben fürwahr durch die Klage sämtlicher in jenen Teilen wohnenden Juden mißfällig vernommen, daß seit etwa einigen Jahren gewisse Herren von Städten, wie einige Körperschaften und gewisse andere Machthaber, welche in denselben Gegenden wohnen, als heißspornige und. wie man sagt, tätliche-