B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 10 (12.1924)
- Date
- 1924-12-01
- Page
- Seite 272 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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272 Fünfzig Jahre Arbeit im Dienste der Kultur und Humanität im Gebiete von Mähr.^Ostrau. Erinnerungsblatt aus Anlaß der Gründung der Loge „Ostravia". Von Br. Schulrat Alois Schwarz. Es mag befremdend erscheinen, daß in M.-Ostrau, der drittgrößten Stadt der c. sl. Republik, dem Zentrum des mächtigsten Industriegebietes, erst jetzt an die Gründung einer eigenen Arbeitsstätte unseres Ordens geschritten wird, da doch dieses Gebiet schon seit Jahrzehnten ein reiches Arbeitsfeld hätte bilden können. Allein die Eigenart der raschen Entwicklung dieser Stadt und ihrer Umgebung, insbesonders die Art der Siedelung ihrer jetzt so zahlreichen jüdischen Bevölkerung, wird durch den nachfolgenden Rückblick diese Erscheinung leicht erklären lassen. Nordmähren und das angrenzende Schlesien haben in Bezug auf die Ansiedelung der Juden ganz eigenartige Verhältnisse gezeigt. Während in Böhmen und Mähren schon durch Jahrhunderte in den meisten, auch kleineren Städten, unter der Patronanz der Gutsherren und unter dem Schutze der Behörden, ansehnliche, wenn auch in Zahl und Ausdehnung beschränkte Niederlassungen von Juden bestanden, welche sich als Träger des Zwischen- und Kleinhandels der übrigen Bevölkerung und insbesondere den Gutsherren nützlich erwiesen und welchen später zumeist die Rechte und Funktionen politischer Gemeinden zuerkannt wurden, war in Schlesien und im angrenzenden Nordmähren diese Besiedelung auf einzelne Familien beschränkt, welche als Pächter von Schank — und Landwirtschaften oder Industrien durch Jahrzehnte vereinzelt lebten und durch ihre Rechtscharfenheit und ihren Erwerbsinn stets das Vertrauen der andersgläubigen Mitbewohner besaßen. Solche Einzelsiedlungen waren durch ihre Lebenshaltung und ihren Bildungsdrang, Zentren der Kultur der betreffenden Orte, ihre Wohlhabenheit ermöglichte ihnen nicht nur in ausreichender Weise für die Erziehung und den Unterricht ihrer Kinder zu sorgen, sondern sie boten auch bedürftigen Glaubensgenossen, welche zu jener Zeit, insbesondere aus dem benachbarten Galizien, Hilfe und Zuflucht suchten, jederzeit reichliche Mittel für ihre Erhaltung und Weiterreise. Die fortschreitende Industrialisierung dieses Gebietes, besonders der mächtige Aufschwung des Kohlenbergbaues und der in der Folge sich rasch entwickelnden Industrien in diesem Gebiete, bildete einen kräftigen Anziehungspunkt für die entfernter wohnenden Glaubensgenossen aus dem benachbarten Mähren, der Slowakei und Galizien, welche in diesem Gebiete leichten und lohnenden Erwerb zu finden hofften und seit dem Beginn der 70er Jahre hat sich im Ostrauer Gebiete, eine in den verschiedenen Orten verteilte große jüdische Ansiedlung gebildet, welche, da in dieser Gegend damals fast ausschließlich tschechische und polnische Schulen bestanden, für die Erziehung ihrer Kinder aus eigenen Mitteln aufkommen mußten, um denselben neben dem erforderlichen Unter-