B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 9 (11.1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 257 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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257 Die alte Folge der „Gedanken und Denker" war nicht das tiefgründigste Werk Jerusalems, wohl aber das anmutigste. Der klassische Stil war, wir möchten sagen, romantisiert durch das stark Persönliche, das auch die Form beeinflußt. Die mitunter spröden, abstrakten Stoffe erhielten unter der Hand Jerusalems Fleisch und Blut. Jerusalem bewies, daß Geistestiefe mit allgemein verständlicher Form eine Ehe schließen könne. Er ließ sich nicht abschrecken, wenngleich, wie er sagte, die leichte Verständlichkeit seiner Bücher ihm nicht selten geschadet habe. Er wollte kein Gehege um seine Zähne geben, wie Nietzsche, denn er schrieb nicht für die Wenigsten, sondern für alle. Die neue Folge zeigt uns Jerusalem auf einer anderen Lebensstrecke. Der kritische Realist, wie er sich selbst gern nannte, weil er kein I/art pour Fart-Philosoph war und es sich zum Ziele setzte, „die Menschheit zu bessern und zu bekehren", hatte sich seit dem Erscheinen der ersten Folge der „Gedanken und Denker" dem Pragmatismus zugewendet, wenngleich er in dieser „praktischen" Philosophie nicht aufging und noch immer trotz seines Kampfes gegen den Apriorismus viel Kantisches zurückbehielt. Und was noch tiefer in seinem Leben Wurzel schlug, er trat in die Fußstapfen Comtes und Spencers und wandte sich der neuen und, besser gesagt, neu erwachten Gesellschaftswissenschaft zu. Diese Wandlung beeinflußte naturgemäß nicht allein seine großen theoretischen Schriften, sondern auch seine Gelegenheitsaufsätze. Die neue Folge beginnt in ihrem stofflichen Teil mit dem Aufsatz: „Kants Bedeutung für die Gegenwart" und schließt mit dem Essai: „Plato und wir." Der kritische Realist zeigt uns in diesen beiden Aufsätzen, welche Bedeutung gerade die idealistische Philosophie für uns Lebende hat. Die Kant-Würdigung wurde aus Anlaß des 100. Sterbetages des Königsberger Philosophen geschrieben. Sie kommt heute gerade zurecht, denn auch heuer feiern wir ein Kant-Jahr, die 200. Wiederkehr des Geburtstages dieses größten deutschen Philosophen, der, eingesponnen in seine Studierstube, wie der deutsche Reichskanzler von ihm sagte, die Schlachten der Befreiungskriege geschlagen hat. Unter den deutschen Dichtern steht besonders Schiller Jerusalem nahe, und so spricht er auch über Schillers Weltanschauung in seinem neuen Buch. Mit Recht weist Jerusalem darauf hin, daß die Gedankenlyrik Schillers ohne Kants Ethik nur schwer zu erfassen sei. Es ist leider eine Tatsache, daß Schiller gemeinhin in einem Lebensalter gelesen wird, in welchem der gedankliche Inhalt seiner Werke noch gar nicht ausgeschöpft werden kann. Das Schillerische Pathos ist es, das die Jugend hinreißt. Gewiß, die Jugend soll sich an Schiller begeistern, an seinen in tyrannos geschriebenen Räubern, an dem Gedankenfreiheit fordernden Posa, an der Rütliszene und an vielen seiner Gedichte. Aber der gereifte Mann kehre zu Schiller zurück und er wird Schätze haben, von denen er sich in seiner Jugend nichts träumen ließ. Von den drei Zeitgenossen, die Jerusalem persönlich stark beeinflußten, setzte er zweien in dem Buche ein Denkmal. Dem Verfasser der „Griechischen Denker", Theodor Gomperz, unserem Landsmann, und Ernst Mach. Des Dritten, des Soziologen Popper-Lynkeus, der