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B'nai B'rith · 1924-11-01 · 9 (11.1924) · p. Seite 236

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
9 (11.1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 236 (sequence 12)
Language
German
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236 Im engeren Kreise sollen Sie die Aufgabe erfüllen, die sich unser Orden gesetzt hat, als er vor mehr als 80 Jahren gegründet wurde. Auch damals hat es geheißen, jüdischen Auswanderern zu einem überwiegenden Teile solchen, die den Charakter des Ostjudentums trugen, jene Errungenschaften der Kultur zu vermitteln, die in ihrem neuen Wohnsitz, in Amerika, die westliche Kultur kennzeichneten. Wohl waren sie gleichberechtigte Bürger des freien Staates, aber zwischen formellem und tatsächlichem Rechte klaffte eine gewaltige Lücke. Den Gründern unseres Ordens war es daher darum zu tun, für die große Masse der Juden das in Wahrheit umzusetzen, was der große Dichter mit dem Spruche gekennzeichnet hat: „Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Die Juden sollten sich der großen Freiheiten, die ihnen das freie Land gebracht, nicht nur würdig erweisen, sie sollten entsprechend diesen Freiheiten ihr Leben einrichten. Wie immer in derart schicksalsschweren Epochen bestand Gefahr, daß mit der Annahme westlicher Kultur jeder Sinn für das Judentum schwinde und um diese beiden Komponenten im Judentume harmonisch zu vereinigen, trat unser Orden auf den Plan. Klar und deudich, wenn auch nicht wörtlich, sagt das unser Rituale mit den Worten: „Wenn auch die Religion und die in ihr enthaltenen Grundsätze reiner Humanität uns erhalten geblieben sind, eines droht uns immer mehr abhanden zu kommen; das Bewußtsein der inneren Zusammengehörigkeit, das Gefühl für jüdische Interessen, für das Judentum überhaupt." Dieses Gefühl zu erwecken und ein harmonisches Ganze zu bilden, zwischen angestammter Liebe, basierend auf östlicher Tradition und ihre Vereinigung mit westlicher Kultur — diese Harmonie unter den Juden zu pflegen, war eine Hauptaufgabe unseres Ordens. Meine lieben Brüder; wie die Machthaber durch Jahrhunderte sich bemüht haben, hier Brücken der Eroberung zu schlagen, so bemühen wir uns hier eine geistige Brücke zu schlagen, die uns Westjuden zu einem harmonischen Ganzen vereinigen sollen mit dem ostjüdischen Element. Wenn wir uns fragen, warum denn, wenn schon die hohe Bedeutung dieses Ortes für diese jüdische Mission längst erkannt war, erst heute in dieser an Tradition so reichen Juden gemeinde eine Loge des Ordens B'nai B'rith entsteht, so kömien wir diese Frage damit beantworten, daß die Saat hier zwar schon vor vielen Jahren ausgestreut wurde und daß sie jetzt erst aufgeht. Ich freue mich unter den Beamten und Brüdern der neuen Loge eben jene prominenten Persönlichkeiten wiederzufinden, die ihre Mission in ihrer Stammloge, der w. „Wien", so lange gerecht wurden, bis ihnen nunmehr die Möglichkeit geboten wurde, hier im eigenen Kreise zu wirken. Wenn die Zeit der Reife jetzt erst kam, so sehe ich die Ursache hiefür darin, daß erst der unglückselige Krieg mit seinen schauderhaften Folgen kommen mußte, um die Frucht zur Reife zu bringen. Krieg und Nachkriegszeit mit ihrem abstoßenden Materialismus, sie mußten auch hier wieder die Augen öffnen für den Wert des Idealen. Dies ist nun geschehen und Männer, die sich unbefriedigt fanden vom Materialismus dieser Zeit, von jenem Materialismus, der sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch und kulturell auswirkte, glaubten

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