B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 9 (11.1924)
- Date
- 1924-11-01
- Page
- Seite 237 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9597803-9598056--0555-9598069- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
237 hier in der Loge eine Heimstätte zu finden, wo sie als Juden und Menschen wirken wollen zur Erreichung höherer Ideale, zur Mehrung wahren Menschenglückes. Wenn Sie meine lieben Brüder, sich die Frage vorlegen: „Kann in dieser Zeit des Materialismus, in dieser Zeit der Massenwirkung, in dieser Zeit, wo alles auf Zahl und Qualität geht, kann da ein kleiner Kreis diese hohe Pflicht erfüllen?" so gebe ich ihnen darauf die Antwort: „Ja, sie kann es, aber nur dann, wenn sie die große Zahl ersetzt durch die hohe Qualität. Nur hohe ethische Ziele können das erreichen. Einhaltung freigewählter Disziplin in Zusammenarbeit mit Gesinnungsgenossen und Brüdern. Nur dieses hohe Ideal kann Ihnen als erreichbares Ziel selbst in einer Zeit der Massenwirkung jene Bedeutung und Bewertung verschärfen, von der wir wünschen, daß sie das erreichbare Ziel einer jeden unserer Logen werde." Der Weg, den die Loge gegangen, bevor sie heute ins Leben gerufen werden konnte, war ein langer und schwieriger. Wenn es uns heute gegönnt ist, dieses Freudenfest zu feiern, so ist die Ursache darin, daß sich immer, wie es sich auch hier gezeigt hat, ein Weg finden läßt, wenn der Wille vorhanden ist. Meine lieben Brüder, wir sind bei der Gründung dieser Loge Wege gewandelt, die nicht vorgeschrieben sind durch unsere Konstitution und dennoch glaube ich, daß niemand sagen wird, wir hätten unsere Konstitution verletzt, denn wir haben das, was dem Wortlaut nicht entsprechen mag, durch den Geist erfüllt. In dieser Stunde drängt es mich, für das besondere Entgegenkommen zu danken, durch das die Brüder des österreichischen Distriktes die Gründung dieser Loge ermöglichten. (Großer Beifall.) Den Brüdern der w. „Wien", die die lieben Brüder der w. „Fides" eingeführt und eingeweiht haben in unseren Orden und in seine Grundsätze, gebührt mein besonderer Dank, in erster Reihe aber danke ich Ihnen s. w. Großpräsident Br. Ehrmann (Stürmischer Beifall). Dieser Händedruck, er bedeute das Gelöbnis unverbrüchlicher Freundschaft unserer Distrikte nach wie vor. (Starker, nicht endenwollender Beifall.) Meine lieben Brüder! Wenn sie sich einst fragen, wie konnten Juden es wagen unsere Mitbürger einzuführen in die w. Wien gerade hier und in Monaten und Jahren, in denen es nahezu Hochverrat hieß, wenn man irgend etwas tat, was an Österreich erinnert, so gebe ich ihnen die Antwort, daß wir das taten in Erfüllung einer wahren patriotischen Pflicht, in Erfüllung eines Patriotismus, wie wir ihn und mit uns alle wahren B'nai B'rith empfinden, in Erfüllung eines Patriotismus, der nicht gegeben ist durch Farben, nicht durch Landesgrenzen und Grenzsteine, sondern eines Patriotismus, der seine Aufgabe darin sieht, durch Wahrung des inneren Friedens, durch Arbeit der Hand und des Geistes das Glück des Vaterlandes zu mehren. In der festen Uberzeugung, daß wir durch unsere Arbeit zur Blüte unseres Vaterlandes beitragen, haben wir mit Begeisterung die uns gebotene Hand zu gemeinsamer Arbeit ergriffen, zu einer Arbeit, die in der Feier des heutigen Tages ihre Krönung findet. Wenn ich, meine lieben Brüder, von Patriotismus in unserem Sinne spreche, dann glauben Sie nicht, daß wir Phantasten und Utopisten sind,