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B'nai B'rith · 1924-11-01 · 9 (11.1924) · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
9 (11.1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 230 (sequence 6)
Language
German
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230 ist nicht genügend Bürgschaft dieser Brüderlichkeit. Nicht etwas Festes, Starres ist der Mensch. In immerwährenden Fluß befinden sich Denken, Fühlen, Leben. Was heute vereint, kann morgen zerrissen werden, Ideale des einen Tages sind am nächsten Morgen zerronnen, Interessen wechseln von Stund' auf Stunde. Brudersinn muß einen anderen, festeren Boden haben, auf Granit, nicht auf Sand gebaut sein. Man pflegt in unseren Kreisen zu sagen, unser Logentempel sei der rechte Ort, aus dem jedem von uns Bruderliebe entgegenströme, in dem wir lernen, daß nicht nur unsere Hände, sondern auch unsere Herzen in einander verschlungen den Bund der Treue schließen sollen. Und sicherlich! Wenn wachende Erkenntnis, reifender Geist, Loslösung vom Getriebe des Alltags, Aufgehen des Selbst, des Ich im Dienste der Gemeinschaft imstande wären Bruderliebe erblühen zu lassen, dann gäbe es kaum etwas, das eher aus unserem harten Menschengestein die Bruderliebe zur Entzündung bringen könnte als die Mauer unseres Tempels. Vergebene Mühe! Nicht auf diesem Wege ist Brudersinn erreichbar. Wie denn? werdet ihr fragen. Lasset mich euch den einzigen, ach nur allzuengen Pfad weisen, der zum Gottesziele führt. Ich frug, wie wir uns gegenseitig zur Bruderliebe erziehen könnten. Hier ist der große Irrtum! Es gibt eben kein gegenseitiges sich Erziehen, sondern nur einseitig selbst Erziehen! Und sich selbst zur Bruderliebe erziehen, heißt: sie üben, aber nicht fordern, nicht verlangen! Sonderbare Art, die uns alle soweit abbringt von Bruderliebe. Wir klagen darüber, daß sie fehle und vergessen, daß sie vor allem uns selber fehlt. Wir fordern sie vor allem von dem anderen, dann sagen wir sie dem anderen gnädig zu. Und da der andere dasselbe tut, kommt man sich nie näher, sondern bleibt auf demselben Flecke stehen und ruft: Fange Du an! Nein, fange Du an! „Der Edle stellt Anforderungen an sich selbst, der Unedle an andere." Wollen wir nicht alle die Edlen unseres Volkes sein? Wohlan! so öffne weit Herz und Arme und frage nicht, ob es auf Gegenseitigkeit beruht. Fördere deinen Bruder in seinem Berufe, nütze ihm, wo du nur kannst, ihm, seinem Weibe, seinen Kindern. Die Sorge um ihn sei dir wie die Sorge um dich selbst. Er tut es vielleicht nicht? Tut nichts, tue es du, so rein und selbstlos, als ob er es ebenso täte! Weißt du denn, warum er es nicht tut?! Vielleicht sind die Hindernisse stärker als er! Denk an den großen H i 11 e 1, wähle seine Worte dir zur Richtschnur: Uber jeden nur gut sprechen und sich immer sagen: ob ich wohl besser wäre, stund* ich an seiner Stelle!? Und dann! Glaubt mir Freunde, Brüder, ärger könntet ihr — um T o 1 s t o ')' s Worte wiederzugeben — einen schlechten Menschen nicht strafen, als wenn ihr ihm Güte erweiset, ihn liebet, ihm verzeihet. Und wir nennen uns doch gute Menschen! Und tuet es anhaltend, dauernd, immer mehr, leidenschaftlich tuet es! „Jedem redlichen Bemühen, sei Beharrlichkeit verliehen." Das härteste Herz wird endlich weich, wird ein Herz von Fleisch. Unendlich schwer, meinet ihr. Gewiß! Güte ist das schwerste Gebot, Selbstentäußerung die schwerste Askese. Erfüllbar nur^ wenn

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