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B'nai B'rith · 1924-11-01 · 9 (11.1924) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
9 (11.1924)
Date
1924-11-01
Page
Seite 231 (sequence 7)
Language
German
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231 du eines hast: den festen unbeugsamen Willen. Ich will!! Du mußt dich unentwegt dazu erziehen. Wodurch? Hab' deinen Bruder immer vor Augen! Wer weiß, wenn Eltern ihre Kinder, Kinder die Eltern nicht stets rosig sähen, ob ihre gegenseitige große Liebe Bestand hätte! Warum ist ein Kind so oft weniger liebevoll zu Vater und Mutter, das zu früh das Elternhaus verließ? Warum führt uns der Tod so rasch zum Vergessen hinüber? Siehst du deinen Bruder in acht oder vierzehn Tagen, oder in noch größeren Zwischenräumen, zumal wenn ihr beruflich fern absteht von einander, wie soll das„Ich will" lebendig in euch wirken?! Der Wille ist eine Tugend der Nähe, nicht der Ferne. Von hier aus bemesset ihr die große Bedeutung unserer Geselligkeit und das berechtigte Verlangen, sie nicht aus unserem engsten Kreise hinauszutragen. Je öfter du den Bruder siehst, um so stärker kann dein „Ich will" werden. Versäume keine Gelegenheit, ihm ins Auge zu blicken, mit ihm Gedankenaustausch zu pflegen, mit ihm gemeinsam, in Ernst und Scherz, zu schaffen, zu arbeiten, harmlos dich ihm zu geben, ihn dir zu nehmen. Ja, harmlos! Das ist es! Seid harmlos zu einander, liebe Brüder, dann wird jedes Herz empfänglicher für echte Bruderliebe. Ach, um die verlorene Harmlosigkeit des Juden! Von innen, wie von außen wurde sie uns geraubt und in uns zertreten. Mißverstandener Talmudismus, Diaspora, wirtschaftliche Not, gesellschaftliche Ächtung, die Enge des Ghetto haben in uns dies kostbarste Gut eines jeden Volkslebens zusammenschrumpfen lassen. Aber noch immer ist sie da, als kleiner Rest, ein schwaches Feuer, die alte naive Harmlosigkeit, lasset sie uns zu neuem Leben erwecken! Je enger der Kreis der Brüder, um so rascher, um so eher kann sie uns noch zu eigen werden. Je mehr wir uns zusammenfinden, ohne an den Erwerb, an den Beruf zu denken, nur von dem Streben beseelt uns immer enger und enger harmlos an einander zu schmiegen, um so größer wird das „Ich will" aus reiner Gemütstiefe. Einst sagten unsere Weisen: Sehen führt zur Erinnerung, Erinnerung zur Tat, Tat zur Reinheit, Reinheit zur Heiligkeit. Ich sage euch: Beisammen sein ohne ein anderes Ziel, als eben beisammen zu sein, führt zur harmlosen Harmonie, Harmonie zum Wollen, der Wille zur Liebe. So liegt der kleine schmale Pfad vor euch, der Pfad zur wahren Bruderliebe. Beschreiten wir ihn. Gehen wir ihn jedoch jeder für sich, ohne zu fragen, ob auch der andere ihn geht. Jeder suche in seinem Ring den echten Ring zu finden. Tue jeder sein Pflicht, ohne sich darum zu bekümmern, ob der andere sie auch tut. Goethes Wort sei ewige Mahnung: Wie die Pflanzen zu wachsen belieben, Darin wird jeder Gärtner sich üben; Wo aber des Menschen Wachstum ruht, Dazu jeder selbst das Beste tut.

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