B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 8 (10.1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- Seite 219 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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219 So ist es gekommen, daß unter dem Drucke dieser Verhältnisse die körperliche und geistige Degenerierung der jüdischen Bevölkerung immer weiter um sich greift. Deswegen, folgert der Redner, sei es unsinnig anzunehmen, daß eine weitere Hilfsaktion für Rußland nicht mehr nötig sei. Die Situation hat sich nur insofern geändert, daß die Sowjetregierung, ohne ihr Desinteressement an der deklassierten Bevölkerung aufzugeben, gegenwärtig wenigstens nicht mehr Widerstand leiste, wenn vom Auslande her diese Kreise unterstützt und gefördert werden. Der Delegierte der Welthilfskonferenz in Rußland, Dr. W. Adler berichtet über das Kinderelend in Rußland. Die vielen Tausende jüdischer Kinder, welche in teils allgemeinen, teils jüdischen Kinderheimen untergebracht sind, leiden unter der mangelhaften Ernährung und der ungenügenden Bekleidung und Beschuhung. Nach den statistischen Ermittlungen in einzelnen ukrainischen Departements sind etwa 75% der Kinder ungenügend versorgt. Die jüdischen Kinder leiden in ihrer Ausbildung und Versorgung darunter, daß sie von deklassierten Eltern stammen. Daher sei der Prozentsatz der Kranken unter diesen Kindern unverhältnismäßig groß, bis 40% (insbesondere Tuberkulose und Hautkrankheiten), was vielfach mit der sanitätswidrigen Unterbringung der Kinder zusammenhängt. Die Ermittlungen ergaben in der Ukraine 50% heimlose Kinder, von denen, welche in regelrechten Wohnungen untergebracht sind, schlafen 9.1% allein in einem Bett. Ohne fremde Hilfe, folgert auch Dr. Adler, sei eine Gesundung dieser Verhältnisse nicht herbeizuführen. Diese Ausführungen fanden in der nachfolgenden Entschließung der Welthilfskonferenz ihren Ausklang: Die Konferenz betrachtet es als ihre heilige Pflicht sich an das Judentum der ganzen Welt zu wenden, um ihm zum Bewußtsein zu bringen, daß die größte jüdische Gemeinschaft, das Ukrainer Judentum noch immer von den zahlreichen Folgen der furchtbaren Katastrophen bedrückt wird, die im Laufe der letzten Jahre seine materielle und geistige Existenz ruiniert haben. Der immer wachsende Pauperismus der jüdischen Massen, das moralische und materielle Elend der jüdischen Kinder, der Waisen und Obdachlosen, die schreckliche Not der jüdischen Intelligenz, die physische Entartung eines großen Teiles der jüdischen Bevölkerung, all diese traurigen Folgen der durchlebten Schrecken (Krieg, Pogrome, Bürgerkrieg und Hunger) stellen das russische Judentum vor die Gefahr des Unterganges. Die Aufgaben der Hilfsaktion gegenüber dem russischen Judentum sind: 1. ihm schnell materielle und medizinische Hilfe für Kinder und Erwachsene zu gewähren, 2. die deklassierten jüdischen Massen in ein produktives Wirtschaftsleben überzuführen (Industrie und Landwirtschaft) und denjenigen, die an Ort und Stelle keine Arbeit finden können, die Auswanderung auf legalem Weg zu ermöglichen und sie dabei materiell zu unterstützen. Die Konferenz hofft, daß die Judenheit die größten Anstrengungen machen wird, um diese Aufgaben zu erfüllen. III. Das Wanderungsproblem. Die traurigen Verhältnisse in Rußland im Zusammenhange mit der wirtschaftlichen Bedrohung der Juden in den andern östlichen Ländern zwingen auch heute noch Tausende von ihnen, aus der Heimat auszuwandern. Deswegen steht auch das Wanderungsproblem noch immer im Vordergrunde der Erörterungen der jüdischen sozialen Organisationen und hat auch den Kongreß zwei Tage lang beschäftigt. Die beiden Referenten, Dr. S. Tiomkin und der gewesene Minister V. Latzky beleuchteten die jetzige Situation, der letztere auf Grund der Erfahrungen, welche er als Abgesandter der Welthilfskonferenz in Argentinien gesammelt hatte. Dr. Tiomkin brachte interessante statistische Daten über die jüdische