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B'nai B'rith · 1924-10-01 · 8 (10.1924) · p. Seite 205

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Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
8 (10.1924)
Date
1924-10-01
Page
Seite 205 (sequence 3)
Language
German
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205 sehen, muß sich aber in anderen Bahnen bewegen, als der Kampf gegen die oben behandelten Argumente für einen religiösen Antisemitismus mit allen seinen Abarten. Es braucht hier kaum darauf hingewiesen zu werden, daß die Literatur über alle Formen des Antisemitismus ebenso wie die zu seiner Widerlegung schon Bibliothekscharakter angenommen hat, und es ist hier nicht beabsichtigt, diese Art von Literatur durch die vorliegende Skizze zu vermehren. Zweck dieser ist es vielmehr, hier wieder auf jene Momente hinzuweisen, die eingangs erwähnt wurden und die der positiven und negativen Beeinflussung von Optimismus und Pessimismus hinsichtlich der zu erwartenden Auswirkung antisemitischer Gegenwartsbestrebungen zweckdienlich sein können: solches ermöglicht der kritisch historische Rückblick. Betrachten wir einzelne Gebiete in der Geschichte des Antisemitismus, dann ergibt sich bei objektiver Betrachtungsweise folgendes: Wir sehen die schärfsten antisemitischen Wellen keineswegs immer durch Vorgänge im Judentum selbst veranlaßt. Sie treten oft zu Zeiten auf, wo jüdisches Leben und jüdische Betätigung oder richtiger Betätigung der Juden unter den Wirtsvölkern nicht besser und nicht schlechter ist als vorher. Es sind meist elementar geschichtliche Ereignisse, vor allem Hunger, Krieg und Pest, die schlummernde antisemitische Regungen orkanartig ausbrechen und dahinstürmen lassen. Geschichtliche Betrachtungen zeigen aber auch, daß solche, wie gesagt keineswegs immer genetisch auf das Judentum selbst zurückführende Wellenberge wieder in flache Täler übergehen, ein Moment, das meiner Meinung nach wohl am besten die Berechtigung gibt, einem oft tendenziös genährten Pessimismus hinsichtlich zu erwartender böser Auswirkungen entgegenzutreten. Dies umsomehr, als solcher Pessimismus oft zur Anwendung von Methoden führt, die einer Nivellierung einer solchen Springflut hinderlich im Wege stehen können. Eine zweite Erfahrung, die eine solche historische Betrachtung mit sich bringt, ist die Erkenntnis, die der einleitende Satz unserer Skizze enthält: die Tatsache, daß jede Kulturperiode den Antisemitismus zeigt, der der Höhe der Kultur der betreffenden Periode entspricht. Man wird nun zweifellos dagegen einwenden, daß die Gegenwart Formen eines Antisemitismus zeitigte, die der Kultur schwärzesten Mittelalters angemessen erscheinen. Dieser Tatsache ist gewiß nicht zu widersprechen, aber es wird zugegeben werden müssen, daß diese Extreme glücklicherweise Einzelerscheinungen bleiben, gegenüber dem Gesamtcharakter der ganzen Bewegung als Massenerscheinung. Schließlich lehrt auch nach dieser Richtung die historisch rückblickende Betrachtungsweise, daß auch frühere Perioden antisemischer Eruption individuelle Erscheinungen aufzuweisen haben, die selbst noch unter der an sich beträchtlichen Tiefe der betreffenden Kulturperiode liegen. Man kann wohl füglich sagen: Jede solche antisemitische Periode hat ihre Dinters.

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