B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 7 (9.1924)
- Date
- 1924-09-01
- Page
- Seite 189 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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189 kultur entfernt, und eben darum von den übrigen Volksklassen weniger geachtet, in ihrer politischen Existenz selbst strengeren Maßregeln unterworfen, versinkt sie in eine Muthlosigkeit, die den Aufschwung zu großen Ideen hemmt, und sanfte Gefühle unterdrückt. Ihre Religion paart sich dann, wie ihr Leben, mit Haß und Erbitterung, und ihre Moral lehrt sie oft spitzfindige Abweichungen von den Gesetzen. Dieß war viele Jahre hindurch das Schicksal der Juden in Europa. Nur für vieles Geld fanden sie hier und da Aufnahme und Duldung, wenn Mißhandlungen, welche ein zu weit getriebener Religionseifer gegen die Juden bisweilen herbeyführte, Duldung genannt werden können. Eine solche Behandlung hatte nicht nur den Charakter der jüdischen Nation zum Zerrbilde verunstaltet, sondern auch bey der herrschenden Nation ungünstige Folgen gehabt. Unter den europäischen Regierungen hat die österreichische Staatsverwaltung alles dieses zuerst beherziget. Das Toleranz-Edikt vom Jahre 1782 hatte alle Leibzölle, und gehässige Abzeichen der Juden, die sie der öffentlichen Verachtung, und nicht selten der Mißhandlung des Pöbels Preis gaben, abgestellt, und diesen so lange als heterogen behandelten Theil dem Ganzen dadurch einverleibt, daß ihm der Besuch der hohen Schulen, die Betreibung des Ackerbaues, die Ausübung mechanischer Künste und Handwerke, und die Errichtung von allerley Fabriken gestattet wurde. Um aber von diesen Begünstigungen Gebrauch machen zu können, werden Fähigkeiten vorausgesetzt, die sich von einem Volke, das so lange in einer gänzlichen Unthätigkeit lebte, dem es an Gelegenheit fehlte, seine körperlichen und Geisteskräfte zu entwickeln und anzuwenden, auf keine Weise erwarten ließen. Man konnte nur auf die zweyte Generation zählen, und mußte daher die Jugend dazu vorbereiten. Es ward also anbefohlen, daß jede Judengemeinde eine Bürger- oder sogenannte Normalschule errichte, in welcher ihre Jugend das deutsche Lesen und Schreiben, das Rechnen und die Sittenlehre, d. i, die Kenntniß aller Pflichten des Menschen und Bürgers., von geprüften Lehrern aus ihrer Mitte erlernen soll. Dies scheint beym ersten Anblicke den Separatismus zu begünstigen. Allein außerdem, daß eine zu weit getriebene Amalgamation nicht selten auf beyden Seiten einen nachtheiligen Indifferentismus erzeugt, weil die Grenzlinie zwischen dem Wesentlichen und Unwesentlichen zu fein, und nur wenigem Geistern bemerkbar ist, so konnte man auch dem durch die seit Jahrhunderten versuchte Bekehrung schüchtern gewordenen großen Haufen um so weniger Anlaß zum Mißtrauen geben, als in christlichen Schulen die Moral nicht selten, wo nicht die Gründe, doch die Bestätigung, aus dem Christenthume herhohlet. Sind die Protestanten den Katholiken nicht näher verwandt? Und gleichwohl haben sie eigene Schulen, und eigene Lehrer. Jene Begünstigungen, und diese Schulanstalt haben auf das Gemüthe der Jugend im Allgemeinen, und auf jene in Böhmen besonders, die heilsamste Wirkung gehabt. Die Bildung ist auf den Grad gestiegen, daß viele Jünglinge geschickte Ärzte, Rechtsgelehrte, vollendete Tonkünstler, und ungleich mehrere, brauchbare Handwerker, und ausge-