B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 179 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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179 matisch wohlgefügten Zusammenstellung der Texte das Wertvolle des Zieglerschen Werkes erblicke. Es mag ja für einen modernen, rasch lesenden, time is money- Menschen bequem sein, wenn er nicht die Bibel vornehmen und sich durch Archaistisches, Nebensächliches zum ewig Gültigen durcharbeiten muß, aber ein Auszug ist doch nur Ersatzmittel Das geistige Massiv tritt doch nicht so plastisch hervor und die moralische Donnerstimme der Bibel verliert im Phonograph an Klangfarbe und herzbezwingender Macht. Man lese irgend ein Moralgebot oder eine ethische Sentenz aus welcher prophetischen Rede immer, einzeln oder im Zusammenhange der ganzen Rede — welch ein gewaltiger Unterschied! Doch mag dies vielleicht nur ein ästhetisch-literarischer Einwand sein. Immerhin liegt das Wertvolle des Zieglerschen Werkes in seinen Vorbemerkungen oder Einleitungen. Hier ist Ziegler — er selbst: der Prediger des sittlichen Idealismus des Judentums. Ziegler hat mehr vom Prediger als vom Dozenten in sich, sein edles Pathos hat mehr Glut der Überredung als Kraft der wissenschaftlichen Belehrung, aber einen hohen Grund von Überzeugungstreue und Wahrheitsmut, der an das Ethos der Propheten im Kampfe gegen eine schemreligiöse Händlermoral gemahnt. So scheut er sich nicht an uralten, ins jüdische Seelenleben tief eingedrungenen Anschauungen radikale Umwertungen vorzunehmen, sofern sie sich mit dem modernen moralischen Empfinden nicht mehr decken. Ziegler will das Ethos, die Moralität (im Kantischen Sinne) in den sittlichen Geboten der Bibel wieder herstellen, daher seine kritische Umbau- und Umwertungsarbeit ad majorem gloriam reiigionis. So entkleidet er den Begriff der „Auserwähltheit" Israels seines herben theologischen Beigeschmacks und modelt ihn um in den der „Sendung", des historischen Imperativs, der selbsterkannten Pflicht, die jüdische religiöse Eigenart und die sittlichenAnschauungen durch Lehre und Leben zu erhalten und zu entwickeln und der Welt ein Beispiel des sittlichen Idealismus zu geben. Von der „Menschenmäckelei", wie Lessing im Nathan das Dogma der Auserwähltheit nennt, läutert Ziegler diesen Begriff, aber an dem prophetischen Missionsgedanken, daß Israel „den Völkern ein Licht sei", hält er trotz vergleichender Religionsgeschichte und Völkerpsychologie fest, allerdings im Sinne des talmudischen Spruches: „erst schmücke dich selbst, dann magst du .andere schmücken''. Ähnlich frei verfährt Ziegler auch mit anderen theologischen Begriffen und veralteten moralischen Anschauungen. Denn wenn er auch betont, daß auf dem Gebiete des Religiösen und Moralischen das biologisch-genetische Prinzip als Erklärungsprinzip nicht ausreicht, weil nach Ziegler die Sittlichkeit ein psychisches Phänomen sui generis, eine Uroffenbarung Gottes ist, so muß er doch auch hier eine Entwicklung von primitiven zu höheren Anschauungen annehmen. Ein lehrreiches Beispiel hierfür ist die Vorstellung des „Gottes der Rache", die neben der höher entwickelten des „Gottes der Liebe" im Buche, nicht im Volke der Bibel, wie Ziegler meint, bestehen blieb. Einen ähnlichen Atavismus erblickt er im Lohn- und Strafgedanken, den er vom Standpunkt des moderenen moralischen Denkens radikal ausmerzen will, wenn er gleich, wie schon Maimonides, die volkspädagogische Tendenz des Lohngedankens zugeben muß. Sowohl auf religiösem wie auch auf moralischem Gebiete spielt das innerpsychische Moment der Kawwana, der Gesinnung, des religiösen und moralischen Pathos als Korrelat zu der bloß äußeren Pflichttat eine dominierende, wertbestimmende Rolle. Im Talmud wird die Frage — echt juristisch — diskutiert: ob die bloße Ausübung der Gebote genügt oder ob auch noch die Kawwana dazu erforderlich sei. Im Chasidismus kann eine solche Frage gar nicht erst gestellt werden. Man vergleiche dazu die Kantische Unterscheidung von Legalität und Moralität — und lese den förmlichen Hymnus, den Ziegler auf das Moralprinzip der Kawwana anstimmt (S. 66.). Verwandt damit ist das moral-psychologische Problem von Trieb und Pflicht. Bei der Behandlung desselben zeigen sich bei Ziegler, wie ich glaube, die nachhaltigen Spuren der Max Brod'schen Religionsphilosophie. Man vergleiche das, was Brod über das Gebot der Liebe zu Gott sagt: kann denn Liebe geboten werden? oder wie und wann fließen Gebot und Trieb zusammen? mit dem, was Ziegler sagt: nicht die Liebe, sondern ihre Intensität wird geboten so bei der Liebe zu Gott wie bei der zum Nebenmenschen. Doch über diese Interpretation wird sich streiten lassen. Immer aber wirkt Ziegler, selbst wenn