B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 178 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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178 Buchbesprechungen. Die sittliche Welt des Judentums. I. Teil. Die sittliche Welt der heiligen Schriften von Prof. Dr. J. Ziegler, Rabbiner in Karlsbad. Verlag von M. W. Kaufmann in Leipzig, 1924. Unter der stolzen, uns teueren Flagge der Großloge X. I. O. B B. ist das obgenannte Werk auf den literarischen Markt hinausgesegelt und sein Verfasser ist — Dr. Z i e g 1 e r. Beide, dar Patron und der Autor, bieten eine fast a priori sichere Gewähr dafür, daß es sich um ein wertvolles Werk handelt, wertvoll sowohl vom ethischen Standpunkt des Ordens als auch vom Standpunkte des ethischen Judentums. Und, daß ich es nur gleich sage: sie sind einander würdig, der Patron und Zieglers Werk. Die Rose schmückt den Garten, aber auch der Garten erhöht den Wert der Rose — heißt es im Talmud. Es gehört ja mit zu den hohen Aufgaben unseres Bundes, in ethischer Hinsicht „den Charakter unseres Stammes weiter zu entwickeln", und dazu ist nötig, daß wir aus den Quellen des Judentums wie aus der eigenen Seele ethische Erkenntnisse schöpfen. Zieglers Werk will uns zu diesen Quellen führen. Dr. Ziegler ist der kundige, kluge Führer, dem man sich ruhig anvertrauen darf, denn er kennt jeden Steg und Weg, den die geschichtliche Entwickelung des Judentums genommen hat, und er, der selber durch alle modernen Gedankengänge sich durchgerungen hat, weiß auch, was der jüdischen Seele weh- und nottut. Wer im Judentum, in seiner sittlichen Welt zuhause sein will, muß zurück in die Urheimat des jüdischen Geistes, zurück zur Bibel. Doch schon bei diesem ersten Punkte des Führerprogramms entsteht für viele ein Dilemma: wir sollen zurück in die Welt naiver Gläubigkeit, in das Himmelreich und Wunderland der Bibel und unser Denken geht vorwärts, ist naturwissenschaftlich geschult, und unser moralisches Gewissen schöpft aus sich selbst kategorische Imperative. Aber gerade diesen seelischen Riß im modernen Juden will Ziegler heilen und eine Synthese zwischen biblischen und modernen Moralanschauungen herstellen. Von den zwei Dingen, die uns nach dem bekannten, viel zitierten Satze Kants immer wieder mit Ehrfurcht oder religiöser Andacht erfüllen, läßt Ziegler den „gestirnten Himmel" oder die Kosmo-Theologie bei Seite und führt uns in die Ethiko-Theologie, in die sittliche Welt der h. Schriften, in „das Gewissen" des Judentums ein. Ziegler nimmt an dem alten, architektonisch wunderbaren Bau der Bibel einen modernen Umbau vor. Das Fundament, die theologische Ethik, läßt er selbstverständlich stehen, aber er nimmt aus den h. Schriften jene Sätze heraus, welche ihm zum Aufbau der sittlichen Welt geeignet scheinen, prüft sie auf ihren Gegenwartswert, reinigt sie vom Staub der Jahrtausende, bessert sie, wo sie Risse und Sprünge zeigen, mit dem frischen Mörtel seiner apologetischen Kunst aus, poliert und glättet sie fein und fügt so Stein auf Stein, Satz zu Satz zusammen zur sittlichen Welt des Judentums. Die Architektonik des Ziegler'schen Werkes ist folgende: Die Sendung Israels. Die Gottesidee Israels. Gott und Mensch. Von Mensch zu Mensch. Mensch und Tier. Der Frieden. Vor jeder Abteilung gibt Ziegler in seinen „Vorbemerkungen" historische, religionsphilosophische und psychologische Erklärungen der in Betracht kommenden ethischen Probleme, zuweilen — das liegt im Wesen der Sache — gerät er in's apologetische Fahrwasser, manchmal, wenn ihn der Gegenstand fortreißt, in die Stilart des Predigers — und predigen kann Ziegler! Ethische Betrachtungen führen eben leicht zum Moralisieren (vergl. den Predigerton bei Albert Schweitzer, dem wissenschaftlichen Ethiker). Dann treten wir, von Ziegler geführt, ins innere Heiligtum ein. Rechts prangen die heiligen Texte in hebräischer Schrift und Sprache, links in guter deutscher Übersetzung. Man wird selbstverständlich je nach dem Standpunkt oder der religiösen Überzeugung manches gegen Zieglers Art mit den heiligen Texten frei zu verfahren, d. h. in eigene Rubriken zu bringen, einwenden können. Aber auch vom Standpunkte Zieglers, der die h. Schriften, wie ja richtig, sub specie evolutionis betrachtet, hätten die Texte, entwicklungsgeschichtlich geordnet, an einander gereiht werden sollen. Doch muß ich gestehen, daß ich nicht gerade in der sonst syste-