B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 176 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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17G geburt von Religiosität zu beobachten ist. Ich wurde von manchem gleichaltrigen Bruder ganz eigentümlich angesehen, als ich gestand, daß ich sehr, sehr selten „in einen Tempel gehe". Uberraschend für unsere Begriffe ist dagegen, wenn, wie ich dies in Brooklyn bei New York und auch in anderen Städten gesehen habe, ~z. B. presbyterianische Kirchen gekauft und als Tempel weitere Verwendung rinden. Von außen regelrechte Kirche mit Turm, von innen Synagoge. Rabbi Wise in Pordand gab mir unter anderem auch ein reformiertes Gebetbuch mit, welches den lieben Brüdern zur Ansicht zur Verfügung steht. Rabbi Wise als solcher hatte mich sehr interessiert. Am gleichen Tage hatte er einen Schiedsspruch zwischen der Vereinigung der Angestellten der elektrischen Bahnen und den Elektrizitätswerken in Porüand hinsichtlich Lohnfragen zu fällen. Er war von beiden Seiten als unparteiischer Schiedsrichter gewählt worden. Daß Rabbi Wise, so wie jeder andere Sterbliche, seinen Wagen selbst lenkt, ist für hiesige Begriffe sicherlich ungewohnt. Ein Rabbiner steht drüben mitten im öffentlichen Getriebe wie jeder andere Bürger. Die Reformsynagoge, die größte von Pordand, ist vor Kurzem abgebrannt. Alle Religionsgemeinden, die katholische, evangelische, presbyterianische, unifizierte etc. haben dem Rabbi Wise nach Bekanntwerden des Brandes ihre Kirchen für die Abhaltung des Gottesdienstes angetragen. Zur Zeit findet der jüdische Gottesdienst in der evangelischen Kirche statt. Auf meine Frage, warum man nicht als Provisorium sich mit der orthodoxen Synagoge bezw. mit der Synagoge der dritten Sekte, deren Namen und besondere Gepflogenheiten ich mich leider nicht mehr entsinnen kann, behalf, wurde ich von Rabbi Wise unterrichtet, daß man Konflikte, die mit der orthodoxen Judenschaft heraufbeschworen worden wären, wenn in ihrem Tempel der reformierte Gottesdienst abgehalten worden wäre, vermeiden wollte. Am Abend kam ich zur Sitzung — die erste Logensitzung, an der ich in Amerika teilnahm. Selbstverständlich hat beinahe jede Loge in Amerika ihr eigenes Clubgebäude und es ist merkwürdig, daß selbst in B'nai B'rith-Kreisen bei dieser Gelegenheit immer wieder mit Stolz auf jene Einrichtungen hingewiesen wird, die auf die Körperpflege Bezug haben. Jedes Logengebäude hat im Souterrain ein wunderbares Schwimmbassin, anschließend Garderoben, einen großen Turnsaal mit allen möglichen Turn- und Sportgeräten. Nach Besichtigung des Logengebäudes betrat ich den Sitzungssaal. In Portland spielten gerade junge Mädchen basket bal. Nach der Sitzung saß ich noch mit einigen Brüdern, übrigens prachtvollen Menschen, bis 1 Uhr nachts beisammen, insbesondere mit Rabbi Krüger, dem orthodoxen Rabbiner Pordands. Wir haben uns dabei eingehend über die Logenverhältnisse in Europa und Amerika unterhalten. Die Brüder drüben wissen genau, daß unsere Logensitzungen viel formvollendeter vor sich gehen, sie sagen, daß es ihnen weniger, wie bei uns, auf E xklusivität, als darauf ankomme, so viele Juden als möglich in den