B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 175 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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3 75 In diesen Empfehlungsbriefen sagte Bruder Lewis wörtlich: „Unlike most European visitore at the present time, Brother Meisl has no ,„,ax to grind"", was wörtiich übersetzt heißt: „Ungleich den meisten europäischen Besuchern in der gegenwärtigen Zeit hat Bruder Meisl keine Axt zu schärfen", mit anderen Worten, daß der Zweck meines Besuches bei den verschiedenen Logen nicht der ist, für irgendwelche Wohltätigkeit Geld zu schnorren. Sie ersehen daraus, daß sogar der Einführungsbrief darauf Rücksicht nimmt, daß unter den amerikanischen Logen hinsichtlich der europäischen Bedürfnisse nach Geld schon eine gewisse Apathie eingetreten ist. Von den mir mitgegebenen Empfehlungsschreiben konnte ich nur an wenigen Orten Gebrauch machen, weil meine Geschäftsreise durch die Vereinigten Staaten in einem solchen Tempo vor sich ging, daß ich kaum zu Atem kam. In Seattle an der Westküste hatte ich die erste Gelegenheit, mit Brüdern in Verbindung zu treten. Ich sprach den Sekretär der Seattier Loge, der veranlaßte, daß mich der Mentor, der Präsident und der Vizepräsident im Hotel aufsuchten. Seattle hatte einige Logen, zwischen welchen gewisse rivalisierende Gefühle bestanden. Im vorigen Jahre ist es den vereinten Anstrengungen einiger maßgebender Brüder gelungen, die verschiedenen Logen in einer großen Loge zu vereinigen. Leider fiel es mit der Zeit meines Aufenthaltes nicht zusammen, daß ich an einer Sitzung der Seattier Loge hätte teilnehmen können. Ein anderer Bruder von der Seattier Loge, den ich kennen lernte, ein Student, Mitglied der Beta Zeta Tau Fraternity, erzählte mir, daß sämtliche, dieser jüdischen Studenten Vereinigung angehörenden Mitglieder, sobald sie ein gewisses Alter erreicht haben, automatisch für die B. B. Loge kandidieren. Das Zusammengehörigkeitsgefühl unter den jüdischen Studenten ist außerordentlich entwickelt. Ich habe es recht bedauert, daß zur Zeit meiner Anwesenheit in Seattle unser dort lebender Bruder Oswald Freund gerade abwesend war. Von Seattle fuhr ich nach Portland (im Staate Oregon), wo selbst ich Rabbi Wise (in englischer Sprache Rebbai Weis ausgesprochen) aufsuchte. Rabbi Wise ist der Sohn des bekannten Reformrabbiners Wise in New York. Es dürfte manchem Bruder nicht unbekannt sein, daß der Gottesdienst in den jüdischen Tempeln in den Vereinigten Staaten von eben erwähntem Rabbi Wise sen. reformiert wurde. Der Gottesdienst wird beinahe zur Gänze in englischer Sprache abgehalten und die Gotteshäuser werden unbedeckten Hauptes betreten. Man hat eben auch die Religion amerikanisiert und ohne mich an dieser Stelle in irgendeine Polemik einlassen zu wollen, glaube ich sagen zu dürfen, daß diese Reform außerordentlich zur Hebung des Tempelbesuches beigetragen hat. Man könne sagen, daß es in Amerika auch bei der jungen Generation zum guten Ton, ich möchte sogar sagen in gewissem Ausmaße zur Selbtverständlichkeit gehört „in Schul zu gehen". Es klingt vielleicht paradox, wenn ich sage, daß in dem Lande, wo nach unseren Begriffen lediglich der Dollar regiert, eine gewisse Wieder-