B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 155 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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155 Frau nicht würdig wäre, in unsere Reihen zu treten. Bilden wir so eine Lebensgemeinschaft, dann werden sich aus ihr von selbst die Normen ergeben, die unser Leben in und außerhalb der Loge regeln. Aus der Gemeinschaft als Wurzel erwächst notwendig die Sitte als Frucht. Alle individuellen Instinkte, alle Egoismen wandeln sich in der Familie in Gemeinschaftsgefühle. Außerhalb der Familie sieht der Mächtige das ethische Ideal in der Unterordnung der Anderen. Der Schwache in dem Sanftmut der Anderen, der Herrschende in dem Gehorsam der Anderen, der Reiche in der Bescheidenheit der Anderen. In der Familie fühlt sich jedes Glied als eine Ergänzung des Anderen. Das Ich ist gleich Du. Von der Familie führt die Brücke nicht etwa zum Stamme oder zur Sippe oder zur Nation oder zum Staat, sondern unmittelbar zur Menschheit. Dort, wo der Stamm oder die Sippe das Primäre war, wie etwa bei dem Feudaladel, da bildete sich wohl eine hohe Kultur aus. Graf Keyserling hält in seinem Reisetagebuch eines Philosophen den österreichischen Feudaladel geradezu für die Blüte der Kultur — aber es droht die Gefahr des Gruppenegoismus, des Abschlusses von den anderen sozialen Gruppen, des Verlierens des Gefühls, der Brüderlichkeit aller Menschen. In der Familie lernen wir unbewußt nicht allein die Tugenden, die das Individuum erheben, wie Besonnenheit und Treue, sondern auch die sozialen Tugenden, die uns mit der ganzen Menschheit verbinden, als: Altruismus, Hingebung, Pietät und Demut. Fassen wir uns als eine erweiterte Familie auf, dann werden wir auch unbewußt so handeln, wie eben die Glieder einer Familie handeln müssen aus einer inneren Sympathie heraus, aus einer Schicksalsgemeinschaft heraus, aus der innigen Verbindung, in der die Glieder auch dann stehen, wenn jeder Einzelne sich in seiner Lebensauffassung auch noch so sehr von dem Anderen scheidet. Fragen, wie Nationalität, Beruf, soziale Auffassung werden Brüder nicht voneinander scheiden. Was sonst im Leben zur Erbitterung führt, vermag den innigen Zusammenhang der Familie nicht auseinanderzureißen. Sind wir eine Familie, dann werden wir nicht den Gliedern die Teilnahme an unseren Arbeiten zur Pflicht machen müssen. Sind wir die Brücke zur Menschheit, dann werden wir zu einer Lebensgemeinschaft werden, die befruchtend auf die ganze Welt wirkt. Die Normen, die wir in unserer erweiterten Familie aufstellen, nach denen wir leben, schon um nicht mit der Strafe der Verachtung belegt zu werden, werden wir auch im Leben draußen befolgen, nicht weil sie das Ethos bilden, sondern weil sie uns in Fleisch und Blut übergegangen sind, weil wir es nicht anders können. Das Sittengesetz wird uns, um mit Kant zu sprechen, zum eigentlichen Weltgesetz. Als Familie werden wir vor allem in uns blicken und jenen Kreis von Aufgaben erfüllen, der der Familie obliegt. Vor allem hat die Familie die Pflicht der Erziehung der Kinder. Haben wir als erweiterte Familie diese Pflicht immer erfüllt? Haben wir auf unsere Jugend so gewirkt, wie wir sollten? Die Tatsachen sprechen dagegen. Vor allem das Abschwenken der Jugend von den Idealen der Väter. Wohin drängt unsere Jugend? Nicht nach Aufnahme in unseren Bund, wohl aber nach Aufnahme in die Fußballclubs und nach der politischen Betätigung der Straße. Wir konnten ihnen