B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 154 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Aus dem Bunde soll Jeder seine Kräfte ziehen und dem Bunde soll er auch seine Kräfte weihen. Die Familie sei unser Vorbild. Das Reich der Humanität, sagt Höffding, das höchste Ideal der Ethik, hat nicht nur seinen Anfang und seine Quelle im Familienverhältnisse, sondern ist auch, wenn das Familienleben seine höchste Form erreicht hat, in diesem auf solche Weise verwirklicht, wie es sich von keiner anderen Form der Gesellschaft nachweisen läßt. Die Entwicklung aller anderen Formen der Gesellschaft wird nach dem Grad ermessen, wie es sie an die Stärke und an die Innigkeit des Familienlebens erinnert. Das Reich der Humanität würde seine Vollendung erlangt haben, wenn eine allgemeine Brüderlichkeit alle vereinte. Von der Familie also haben wir auszugehen. Eine Familie sollen wir sein, in der jeder Einzelne untertaucht und doch seine volle Selbständigkeit bewahrt. Daher dürften wir nicht ins Gigantische, ins Mammuthafte streben. Es ist ein soziologisches Gesetz, daß ein Individuum umso restloser im Ganzen aufgehen kann, je kleiner der Kreis ist, der die soziale Gruppe umschließt. Eine Loge, die hunderte Brüder umschließt, isteine Gefahr für den engen Zusammenschluß, für das Gemeinschaftsgefühl. Kleine Kreise, aber viele Kreise, die einander berühren und von dem großen Kreis des Ganzen umschlossen sind, scheint mir die beste Grundlage für unseren Bund zu sein. Um nun eine erweiterte Familie zu werden, ist es nicht nur notwendig, daß wir fragen, welches Ethos hat ein Neubewerber, wir müssen vielmehr fragen, ist er so geartet, daß er sich in die Gemeinschaft einfügen wird mit ganzer Seele und mit ganzem Herzen? Das aber muß erprobt werden, bevor er in unsere Reihen getreten ist. Darum bin ich, seitdem ich B. B. bin dafür, daß erst eine jahrelange Probezeit vorhergehe, ehe ein neuer Bruder zu uns kommt, eine Probezeit, in der er innig mit uns lebt und mit uns schafft. Die Einführung sei nur ein formaler Schlußstein. Die besten Eigenschaften bedeuten wenig für uns, fehlt das geistige Band, fehlt die seelische Verschmelzung. Unser Bruder Klemperer, seeligen Angedenkens, hat einmal das Wort geprägt: „Wir sind eine vornehme Gesellschaft." Ich würde vorziehen zu sagen: „Seien wir eine vornehme Gemeinschaft!" Wir sollen alle den Mittelpunkt der Persönlichkeit, soweit sie nicht durch andere Schranken behindert ist, in den Bund legen, wir sollen im Bunde untertauchen. Freud und Leid sollen wir miteinander teilen, aber auch das geistige Ausleben und die Erfüllung der Aufgaben, die uns unsere Menschlichkeit auferlegt. Voraussetzung, dieser Gemeinschaft ist die innere Harmonie. Wir müssen ein Orchester sein, in dem jeder Einzelne eine Stimme ist. Eine solche Vereinigung, eine erweiterte Familie, setzt voraus, daß Mann und Frau gleichberechtigt mit uns wirken. Wir haben es instinktiv erkannt, daß wir der Frau in unserem Bund nicht entraten können. Daher die Frauenvereinigungen in den einzelnen Logen. Erst in jüngster Zeit hat sich ja eine Frauenloge in Konstantinopel gebildet. All das aber ist bloßer Ersatz. Wie Mann und Frau in der Ehe sich zu einem höheren Ganzen vereinen sollen, so sollen auch wir uns Brüder und Schwestern als gleichwertige Glieder des Bundes fühlen. Kein Bruder finde Aufnahme, dessen