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B'nai B'rith · 1924-06-01 · 6 (6.1924) · p. Seite 153

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
6 (6.1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 153 (sequence 7)
Language
German
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153 nicht mit allen Moralen geschmiert, sondern wie Kinder, wie die Einfalt. Eingebettet in die Gemeinschaft, müssen wir von ihr Wärme und Antrieb erhalten. Die Gemeinschaft, heiße sie Familie, Volk, Kulturgemeinschaft, Staat oder wie immer, impft uns ihren Rhythmus ein, leiht dem Einzelnen ihre Kräfte und stellt die Normen für das Leben in der sozialen Gruppe auf. Ohne Normen kann keine Gemeinschaft bestehen, der Staat hat sie aufgestellt im Rechte, im gesatzten Rechte (Gesetz), die Religion in der Autorität, die Gesellschaft in den Sitten, die zur Sitte werden. Nietzsche spricht von der Sittlichkeit der Sitte. Jede soziale Gruppe erzeugt ihre Sitten, ihre Ethik, und sie darf nicht dulden, daß diese Sitte verletzt wird. Denn mit dem Schwinden des Gruppenethos schwindet die Gruppe selbst. Die Familie, die kleinste soziale Gruppe fordert Reinheit der Ehe, unsre Zeit zeigt mit dem Schwinden der Reinheit die Auflösung' der Familie. Freilich, die Sitte ist nicht die einzige Kraft, die die sozialen Gruppen zusammenhält. Die ökonomische Gruppe wird durch die Gesetze der Volkswirtschaft zusammengehalten, der Staat durch das Gesetz, die Menschheit durch die Religion. Wer den staatlichen Gesetzen nicht gehorcht, wer sie bricht, ist ein Verbrecher, mag er auch an Gesinnung der ethischeste Mensch sein. Wilhelm Teil wäre dem Henkerbeile verfallen gewesen, wäre die Freiheitsbewegung der Schweizer mißglückt. Und mancher Hochverräter wurde von der Geschichte zum Nationalheros gestempelt. Wer der Autorität der Kirche folgt, wer die religiösen Gesetze treu befolgt, den wartet der Lohn im Jenseits. Auch die freie Gemeinschaft, soweit sie, um mit Görland zu sprechen, nicht durch die Schranken der Oekonomie des Staates und der Kirche eingeengt ist, hat ihre Normen, wenngleich sie nicht gesatzt, nicht aufgezeichnet sind. Es gibt ja auch ein Gewohnheitsrecht im Gegensatz zum Naturrecht, das sich als Utopie darstellt. Unser Bund ist eine „Gemeinschaft freiwoilender Individuen" (Stammler) und soll diese wirken und erhalten bleiben, so muß sie Normen bilden. Wie kann sie das? Nicht dadurch allein, daß wir Ideale aufstellen, wiewohl wir dieser auch nicht entraten können. Theodor Lessing meint in seiner „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen", daß alle Geschichte Zufall sei, daß wir aber hinterher der Geschichte einen Sinn geben müssen. Das ist eben das Ideal, das uns vorleuchten muß in unserem Leben. Auch wir sollen aus unserer Gemeinschaft heraus, aus unserem Werden, Sein und Wirken die Ideale abstrahieren. Dazu gehört vor allem, daß wir nicht nur dem Namen nach zu einer Gemeinschaft uns vereinigen. Jede Gemeinschaft ist ein Organismus, in dem jedes einzelne Glied eine Funktion hat. Aus der Gesamtheit der Funktionen erwächst das Ganze, das in seinen Wirkungen weit über den Einzelnen herauswächst. Wir sind aber noch lange keine Gemeinschaft, wenn wir eine Zusammenfassung der Einzelnen ohne organische Funktion darstellen. Wir sollen, sagt Mark Aurel, der Stoiker auf dem römischen Kaiserthrone, nicht einen Teil (Meros), sondern ein Glied (Melos) des Reiches der Menschen werden. Nicht durch den Eintritt in unseren Bund, nicht durch die Teilnahme an den Sitzungen und Festen des Bundes, sondern durch das Ineinanderwachsen, durch das Untertauchen des Einzelnen im Ganzen erwächst ein wahrer Bund.

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