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B'nai B'rith · 1924-06-01 · 6 (6.1924) · p. Seite 152

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
6 (6.1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 152 (sequence 6)
Language
German
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152 Germanen vor. Siegfried und Hagen der Tronjer, der erste trotz seiner Unverwundbarkeit der ideale Held, der zweite trotz dem Meuchelmorde am Gastfreund das Sinnbild deutscher Treue. Dem indischen Ideal steht das Goethesche gegenüber: „Volk und Knecht und Uberwinder, sie gestehnzu jeder Zeit, höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit," steht Benthams Glückseligkeitsideal; steht Nietzsches Lebensbejahung gegenüber. Wo finden wir da das wahre Gute? Läßt sich auf so schwankendem Grund ein Gebäude errichten? Und weiter: Wir unterscheiden eine Individualethik und eine Sozialethik. Die Individualethik geht egozentrisch von Einzelnen aus. Der Einzelne ist das Primäre, die Gemeinschaft das Sekundäre. Individualethisch ist das Christentum gestimmt, das in der Erlösung des Einzelnen gipfelt, das Märtyrer züchtet und Asketen. Die Gemeinschaft ist von diesem Gesichtswinkel aus eine Summierung der Einzelnen. Jede Individualethik muß Gesinnungsethik sein. Nicht auf das Tun kommt es an, sondern auf das Wollen. Die moderne Gesellschaftslehre sieht in der Gemeinschaft das Primäre, im Einzelnen das Sekundäre. „Society is prior than man." Erst war die Herde, dann schälte sich aus ihr das Individuum heraus, vielfach mit der Gemeinschaft in den Kampf tretend. Ganz anders muß die Einstellung der Gemeinschaft zur Ethik sein. Nicht auf Gesinnung kommt es hier in erster Linie an, sondern auf den Erfolg, für die Gemeinschaft. Die Sozialethik ist also Erfolgs- und nicht Gesinnungsethik, und nur soweit die Gesellschaft die Gesinnung des Einzelnen braucht, wertet sie diese Gesinnung. Ich könnte noch über die positive Ethik, das ist die Ethik, ich möchte sagen im täglichen Gebrauch und über die philosophische Ethik, das ist die aus der positiven Ethik reflektierte Ethik und über manches andere sprechen. Aber mir genügt das wenige, das ich bisher hervorgehoben habe. Ich glaube, es ist mir gelungen, zu zeigen, wie wenig der Begriff der Ethik für die praktische Ethik frommt. Damit, daß wir vereint sind zur Pflege der höchsten und idealsten Interessen der Menschheit, ist uns durchaus noch kein Weg gebahnt. Die Volksseele fühlt es, daß nur das spontane Handeln ohne Reflexion und Abstraktion frommt. In dem reinen Tor sieht sie das Ideal des ethischen Menschen, der ohne Bewußtheit das Rechte greift. „Lasset die Kleinen zu mir kommen," sagt Christus, und weiter: „Selig sind, die arm im Geiste, denn ihrer ist das Himmelreich." Goethe läßt die Bajadere in den Himmel eingehen, die dem Fremden im unbewußten Trieb Körper und Seele hingab. Und Schiller singt: „Was erst, nachdem Jahrhunderte verflossen — Die alternde Vernunft erfand — Steht als Symbol des Schönen und des Großen — Vorausgeahnt dem kindlichen Verstand." Ebbinghaus meint, von Wichtigkeit für alles Handeln ist die Ausbildung einer festen Gewohnheit, einer sozusagen mechanischen, keiner Überlegung bedürftigen Tendenz hiezu. Darum müßten die gemeinschaftserhaltenden Maximen schon in früher Jugend den Menschen kategorisch eingeprägt werden. Darin scheint mir jegliche praktische Ethik zu gipfeln: Daß wir wie ein aus sich rollendes Rad, um mit Nietzsche zu sprechen, also ohne bewußte Willensanstrengung handeln, nicht moraldurchseucht,

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