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B'nai B'rith · 1924-06-01 · 6 (6.1924) · p. Seite 151

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
6 (6.1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 151 (sequence 5)
Language
German
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151 einem Abstraktum zu tun, dem ein Konkretum nicht gegenübersteht. Und doch kann das Abstrakte nur von dem Konkreten abgeleitet werden. Wir handeln konkret und müssen nach Mitteln suchen, um einem konkreten Ziele zuzustreben. Nicht etwa aus Neigung, meint Kant, haben wir das Sittengesetz zu befolgen. „Nein, die Ehrwürdigkeit der Pflicht habe nichts mit dem Lebensgenuß zu schaffen, und wenn man beide noch so sehr zusammenschütteln wollte, um sie vermischt gleichsam als Arzneimittel der kranken Seele darzureichen, so scheiden sie sich doch alsbald von selbst, und tun sie es nicht, so wirkt das erste garnicht. Also auch gegen unsere Neigung müssen wir das Sittengesetz befolgen, von dem Kant sagt, zwei Dinge erfüllten das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftige: Der bestirnte Himmel über uns und das Sittengesetz in uns." Kant gab dem Pflichtenbewußtsein Form, aber nicht Inhalt. Was gewinnen wir durch den kategorischen Imperativ, der gewissermaßen wie Kunst und Wissenschaft die Lücke sein soll, die in die Welt des Scheins gerissen ist und uns in die Welt des Seins blicken läßt? Können wir uns bei jeder Willensäußerung, bei jeder Handlung die Frage vorlegen, ob sie zum allgemeinen Gesetz erhoben nützlich wäre? Können wir mit Fichte fragen, ob wir nicht etwa eine vergangene Handlung in Zukunft bereuen werden? Nein, der kategorische Imperativ ist keine Leiter, er ist ein in Eis gehüllter Gipfel hoch über den Niederungen des Lebens, auf das wir nur mit Schwindel herabblicken können. Wollen und Sollen der Menschen im Sinne der Ethik soll auf das Gute gerichtet sein. Gut und Böse sind ja die Endpole aller Ethik. Und doch hat Mephisto dem Schüler den Bibelspruch ins Stammbuch geschrieben: „Eritis sicut deus, scientes bonum et malum." Wie Gott werdet Ihr sein, so Ihr Gutes vom Bösen sondern könnt. Im Buche Hiob, dem biblichen Faust, läßt Gott dem Versucher freie Bahn. Dem Faust hat Goethe den Mephisto angeschmiedet. Faust-Mephisto ist erst der Mensch. Ohne Böses kein Gutes, ohne Gutes kein Böses. „Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", läßt Goethe Mephisto bekennen. Erst durch die Versuchung des Bösen wird das Gute geläutert. Ormuzd und Ahriman, Engel und Teufel, das gute und das böse Prinzip im Kampf, so gestaltet sich die Welt des Seelischen. Doch nehmen wir an, das Ziel unserer Entwicklung sei die Erreichung der Tugend. Der Grieche nennt die Tugend Arete, hergeleitet vom Kriegsgott Ares. Der Römer nennt sie Virtus von Männlichkeit. Ist Tugend ein feststehender Begriff? Die Inder sehen in der Selbstentäußerung, in der Auflösung des Ich, das ihnen nur ein Scheinich ist, in dem Aufhören des Karma nach allen Wiedergeburten, in dem Eingehen in die Ichlosigkeit, in das Nirvana, das Ziel des Guten. Das Mitleidsideal ist das Ideal des Inders. Sich versenken und mitleiden mit aller Kreatur bildet den Weg zur Vollkommenheit. Die Griechen stellten das Ideal des Schön-Guten auf. Die äußere und innere Harmonie des einzelnen Menschen war ihnen das höchste Ziel. Das Heldenideal schwebte den

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