B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 6 (6.1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- Seite 150 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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150 Was ist Ethik? Auf die kürzeste Form gebracht: ein Wollen und Sollen. Nach Ratzenhofer ein Solebensollen. Dem Solebensollen muß als Korrelat gegenüberstehen ein Wielebensollen. Beantwortet die Ethik diese Frage? Die Ethik setzt die Freiheit des Willens voraus. Die herrschenden Richtungen der Philosophie leugnen den freien Willen und die Ethiker suchen sich mit dem Standpunkt des Determinismus derart auszugleichen, daß sie dem äußeren Zwang die innere Freiheit entgegenstellen. Ein gebundener Wille kann nicht gewertet werden und ohne Wertung keine Ethik. Coudenhove hat das in seiner Ethik und Hyperethik in dem Kapitel „Hundemoral und Menschenmoral" ungefähr so dargestellt: der Hund hat auch eine Quasi-Moral. Das oberste Sittengesetz des Hundes lautet: Du sollst Deinem Herrn gehorchen. Der Hundesittenkodex verlangt: Du sollst deinen Herrn lieben, ihn beschützen, du sollst ihm Treue und Anhänglichkeit wahren, du darfst ihn nie verlassen, dich nie gegen ihn auflehnen, nie eine menschliche Wohnung verunreinigen, nie etwas fressen, was nicht für dich bestimmt ist. Dazu kommen die Berufspflichten. Das Sittengesetz des Hundes fordert teils Beherrschung der Triebe, teils Ausbildung und Regulierung der Triebe. Können wir also wirklich von einer Hundeethik sprechen? Ein anderes Beispiel aus der Tierwelt. Die Termiten, die bekannten grauen Ameisen, bilden Staaten. Ein solcher Termitenstaat, so berichtet ein Beobachter, mußte auswandern. Die Termiten kamen an ein Wässerlein, das sie durchqueren wollten. Tausende der kleinen Tierchen stürzten sich ins Wasser, bis sie eine Brücke von Leichen bildeten. Uber diese Brücke gingen die Lebenden hinweg ans andere Ufer. Was ist der Heldentod der dreihundert um Leonidas bei den Thermopylen gegen das Heldentum dieser Insekten: Und doch, werden wir das Handeln der Termiten ethisch werten: Gewiß nicht. Weil sie lediglich einem Triebe folgten und nicht dem freien Willen, weil sie nicht wollen, nicht wählen können. Aber setzen wir einmal bei den Menschen den freien Willen voraus. Sind wir dann schon auf dem Wege der Ekenntnis dessen, was ethisch ist? Die Ethik zerfällt, schon Aristoteles stellte die Einteilung auf, in die Lehre vom höchsten Gute, nach dem der Wille strebt, und in die Pflichtenlehre, die das Sollen zum Inhalt hat. Das höchste Gut ist nach Paulsen ein vollkommenes Menschenleben, das heißt ein Leben, das zur vollen Entfaltung und Betätigung aller menschlichen Kräfte führt, zumeist der höchsten, der geistig sittlichen Kräfte der Person, der vernünftigen Persönlichkeit. Von der Pflichtenlehre sagt Paulsen: Ohne Zweifel ist der gefühlte Zwiespalt zwischen Sollen und Wollen, die Unruhe über ein Handeln, das mit dem Gewissen in Widerspruch steht, das aufregendste Erlebnis, das zuerst die Reflexion über das Gute und Böse hervortreibt. Mit dem in der Güterlehre gesteckten Ziel können wir ebensowenig praktisch etwas anfangen, wie mit der Pflichtenlehre. Nehmen wir einmal das Sittengesetz, wie es Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft darstellt, etwa in der Begriffsbestimmung: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." Oder charakterisieren wir es mit Fichte dahin, daß uns auch in Zukunft unsere vergangenen Handlungen nicht reuen sollen. Immer haben wir es mit