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B'nai B'rith · 1924-06-01 · 6 (6.1924) · p. Seite 149

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
6 (6.1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 149 (sequence 3)
Language
German
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149 ansahen und glaubten, in einer Art Wohltätigkeitsübung unsere Aufgabe zu erschöpfen. Und doch haben zwei Männer des achtzehnten Jahrhunderts, der Erzbischof W h a t e 1 y und James M i 11, der berühmte Vater des berühmten John Stuart Mill, sich gerühmt, sie hätten in ihrem ganzen Leben keinem Bettler ein Almosen gegeben. Wer erkühnt sich diesen beiden Männern ethisches Empfinden abzusprechen? Wir, die wir uns mit Wohltätigkeit beschäftigen, sollten doch an das Wort Coudenhove-Kalergis denken: „Wir sind stark im Ertragen der Leiden — Anderer." Uber diese Art Wohltätigkeitspflege vergaßen wir die Brücken zu schlagen von unserem innern Vorhaben zu unserem Ziel. So kam es, daß wir schon vor dreißig Jahren, in ein enges Gehege eingeschlossen, den Blick in die Weite verloren und an einer Menschheitsaufgabe vorübergingen, als der Gedanke des Wiederaufbaues Palästinas, von Herzl nicht geboren, sondern wiedergeboren, die Judenschaft — die Menschheit bewegte Ich bin kein Zionist im vulgären Sinne des Wortes. Ich fühle mich als Deutschen, freilich nicht in der politischen Umklammerung, sondern als Kulturdeutschen, trotz Hakenkreuzlertum und jüdischem Nationalismus. Der Humanismus des achzehnten Jahrhunderts hat mich gebildet, Herder und Lessing, Humboldt und Geithe, Kant und Fichte waren meine Lehrer. Aber Palästina ist doch die Hoffnung von Millionen Ostjuden und die Chaluzbewegung gehört, wir können es in den Schweizer Schulbüchern lesen, zu den idealsten Bewegungen, die jemals die Welt erfaßten. Durften wir da beiseite stehen? Es kam freilich weit später, im Jahre 1917, die Balfour-Deklaration, England erhielt das Völkerbundmandat über Palästina, die ganze Welt blickte gespannt auf den Aufbau dieses Landes. Tausende und tausende Juden kitteten mit ihrem Blute jeden Stein des neuen Gebäudes, tausende und tausende Juden tränkten mit ihrem Schweiß den heiligen Boden. Die ganze Welt blickte gespannt auf die erste positive Aufgabe, die der Judenheit seit der Diaspora zur Lösung gegeben wurde. Durften wir da beiseite stehen? Und wir standen beiseite und jeder Loge wurde es überlassen, sich zur Wiederaufbaufrage Palästinas nach ihrem Gutdünken zu stellen. Als Politikum wurde eine Frage stigmatisiert^ die doch nichts ist, als eine Kultur- und Menschheitsfrage. Dafür gründeten wir Freitisch-Vereine und Ferienheime. Und wie bewiesen wir uns, als der große Krieg über die Menschheit hereinbrach? Wohl wußten wir uns der Sympathien unserer Brüder im fernen Westen gewiß, aber hat das große Unheil uns zusammengeschlossen, bildeten wir im Kriege eine einheitliche Phalanx? Die Großlogen schliefen den Schlaf der Gerechten und pochten die Logen an ihre Pforte, dann hieß es, der Augenblick des Handelns sei noch nicht gekommen. So verträumten wir Gelegenheiten und der große Moment fand ein kleines Geschlecht. Wir waren nicht untätig, wir waren eifrig, vielleicht übereifrig. Jede einzelne Loge kann auf „Taten" zurückblicken. Aber den neuen Menschen haben wir nicht geboren, den Weg zur Vollkommenheit haben wir nicht gefunden. Und der Grund? Weil wir das Ethos als unsere feste Stütze ansahen, als ein Ziel, das wir mit W. B. u. E. erreichen könnten. Wie wenig das der Fall ist, möge ein kleiner Ausflug in das Gebiet der Ethik kundtun.

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