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B'nai B'rith · 1924-06-01 · 6 (6.1924) · p. Seite 148

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
6 (6.1924)
Date
1924-06-01
Page
Seite 148 (sequence 2)
Language
German
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148 leider verblichene Bruder Prof. Wilhelm Jerusalem als den Angelpunkt des Bundesgedankens bezeichnet hat, und von den Wänden heben sich in goldenen Lettern die Worte ab: Wohlwollen, Bruderliebe und Eintracht. — Aber die Innenlösung entspricht nicht der Fassade und das ganze Gebäude entbehrt eines festen Grundes. — Wir sind, wie ich schon beiläufig erwähnte, kein Orden. Wären wir ein Orden, etwa wie die Orden der katholischen Kirche, die Dominikaner, die Jesuiten, die Franziskaner, die Prämonstratenser, die Clugniazenser, dann hätten wir eine feste Ordensregel, die Tag um Tag unseres Lebens regelt, vom frühen Morgengrauen bis in die sinkende Nacht. Ein Orden ohne feste Regel ist kein Orden, wie etwa alle die Orden, die der Staat oder die Machthaber des Staates austeilen, um wirkliche oder vermeintliche Verdienste zu belohnen oder auch um sich diskrete Einnahme zu verschaffen. Welche Regel bindet uns? Etwa die in unserem Rituale gegebenen Leitsätze? Schon der Umstand, daß wir immer noch den alten Sauerteig verdauen müssen, indes unsere Stammutter in Amerika bereits seit fast zwei Dezennien ein anderes Rituale besitzt, beweist, daß weder das eine noch das andere als allgemeine Ordensregel gelten kann. Das neue amerikanische Rituale scheint stärker noch als unser veraltet — altes die Lücke zu empfinden. Daher ruft es an Stelle der Regel die Autorität an, die Autorität der Religion, die Autorität Gottes. Fast wie eine synagogale Handlung mutet uns der Verlauf einer Sitzung im Sinne und Geiste des Rituales an. Wenn uns als oberster Leitsatz zugerufen wird: „Werde ein Segen", so wird uns wohl ein Ziel gesetzt, aber nicht zugleich das Mittel gegeben, mit dem wir das Ziel erreichen. Wenn uns als Symbolum auf den Weg gegeben wird das Dreigestirn W. B. u. E., durchaus nicht eindeutige Worte, über deren Sinn und Bedeutung wir bereits so lange nachsinnen, als wir bestehen, ein wahres Rätsel der Sphynx, und noch hat sich kein Oedipus gefunden, der es aufgelöst hätte, so haben wir für unser Wirken und Handeln durchaus noch keine Richtschnur gewonnen. Das Wohl-W ollen, ich lege, wie ich bereits in meinem auf dem Brudertag in Prag gehaltenen Referat sagte, das Gewicht auf das Wollen und nicht auf die Tat, weil ich vom Standpunkte der Individualethik Gesinnungs- und nicht Erfolgsethiker bin, ist keine Norm des Handelns, sondern ein inneres Motiv, die Bruderliebe ist ein Gefühl und Gefühle lassen sich nicht erzwingen, und die Harmonie, wir haben dieses schöne Wort mit dem viel weniger sagenden Eintracht übersetzt, wiewohl es eine ganz andere Bedeutung hat, gewissermaßen den inneren Rhythmus des Lebens zum Ausdruck bringt, ist in uns, nicht außer uns und bedeutet ein Gleichgewichtsproblem und keine Regel. Von dem hohen Piedestale des W. B. u. E. machen unsere Vorschriften einen kühnen Sprung, indem sie uns anleiten, Wissenschaft und Kunst zu unterstützen, die Not der Armen und Dürftigen zu lindern, Kranke zu besuchen und zu pflegen u. s w. Das alles sind, wie ich in Prag sagte, gewissermaßen Yogaübungen, aber diese Übungen können nicht als Regel eines die Welt umspannenden Bundes, der sich die Erziehung des Menschengeschlechtes zur Aufgabe gemacht hat, gelten. Und diese Vorschriften haben uns nicht geführt, sondern verführt, weil wir sie als Regel

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