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B'nai B'rith · 1924-04-01 · 4 (4.1924) · p. Seite 113

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
4 (4.1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 113 (sequence 27)
Language
German
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113 Leben im Osten so, daß man immer fühlt : hier ist menschlich Bedeutsames oder menschlich Sonderbares herausgehoben, aber daneben gibt es noch eine andere Welt. Für Agnon gibt es kein Daneben. Er hat das Doppelbewußtsein der älteren Generation: hie jüdisch — hie europäisch überwunden. Das Jüdische seiner Menschen ist eine einzige menschliche Beziehung zur Welt. Ob die Hausfrau Kartoffeln schält, ob die Sonne in die Stube scheint, ob irgend ein Bibelvers verschlungen gedeutet wird, ob Menschen geboren werden oder sterben, nirgends gibt es einen Gegensatz von jüdisch-heilig und europäischprofan. Darum ist das Räderwerk, die Achse, die Sprachform seiner Geschichten so ganz anders als in den Geschichten der europäischen Literaturen, der die älteren Meister ihre Schulung verdanken. Und wenn auch dem westlichen Leser die Lebenssphäre der durch den die Strahlen aus dem Unendlichen kommend zum Unendlichen hindurchgehen und der für einen Agnon'schen Menschen fern ist, so erscheinen ihm die eigenen Gesetze dieser Lebenssphäre dennoch natürlich und groß und die Kraft der Einheitlichkeit zwingt ihn in ihren Bann. In der neuen Erzählung „D er Verstoßene" (Irri Berliner Jüdischen Verlag, in einer deutschen Übersetzung von Max Strauß, die ein Kunstwerk für sich ist) bewährt Agnon wieder seine Meisterschaft auf die schlichteste Art. Er erzählt das Leben des jungen Gerschom, der einer dem Chassidismus gegnerischen Familie entstammt, aber durch eine geheime Kraft und aus geheimer Not vom Chassidismus so ergriffen wird, daß er an dem Glück des offenen Bekenntnisses innerlich verbrennt. Dies ist freilich nur die spät einsetzende Mittellinie der Erzählung, von einer Überfülle irgendwo einmündender Nebenlinien begleitet. Man wird nie die Szene des chassidischen Sabbathmahles im Dorfwirtshaus vergessen, oder die Liebesszene über der beendeten Pessachhaggada, oder das Bild von Gerschoms letzter Ekstase. Man wird die balladeske Einfachheit und Eigenart der Zustandsschilderungen, das niemals reißerische Auf und Ab der seelischen Bewegungen, die aus eigener Kraft weitererlebenden Gestalten des Buches wie ein seltenes Erlebnis hinnehmen, aber das Wesentliche bleibt dieses Grundgefühl: es spielt sich alles im Angesicht des Unendlichen ab; es geht nicht um irgendeinen Trieb oder irgendeine Leidenschaft des Menschen; der Mensch ist nicht das Letzte und Absolute; er ist nur wie ein Kristall, der kurzen Augenblick ihre besondere Brechung und Färbung zeigt und schaut. Friedrich Thieberger. „Die Provinz". Halbmonatsschrift für die Tschechoslowakei, 1. Jahrgang 1924, Heft 1 und 2. (Januar 1924), Verwaltung: Karlsbad, Sprudelstraße Nr. 8 Die Nachkriegszeit hat uns allen viel Übles gebracht, als seelisch Empfindlichstes vor allem eine große Enttäuschung: diese lag in dem Umstand, daß der zum Kriegsende entfesselten politischen Revolution nicht die erwartete Revolutionierung der Geister folgte. Die anfänglich orkanartig anschwellende Freiheitsbewegung und Morgenrotstimmung ebbte nur allzubald zu grauer Alltagemüchterung ab, die Hochstimmung selbst der Siegreichen flaute ab, und, was nun folgte, ist von Reaktion mit unbewaffnetem Auge kaum mehr zu unterscheiden. Die zur Völkerverständigung und -einigung eingesetzten Institutionen mühen sich in redlichem Eifer ab, dieser neuen Welle das Bett abzugraben, und nur da und dort ragen aus der trüben Flut Inseln gleich Häupter auf, die über die erregte trennende Fläche hinüber einander den Ruf nach Hilfe um Ruhe und Frieden für alle zusenden. Wenn es so augenblicklich auch wenig aussichtsreich erscheint, für das goldene Zeitalter vorarbeitend tätig zu sein, so ist der Mut und Eifer umsomehr zu bewundern und anzuerkennen, mit denen immer neue Schriften das Werk von neuem aufnehmen, die glimmende Asche fortwährend zu lodernder Flamme anzufachen bemüht sind. In den Großstädten finden sich solche Idealisten und Optimisten leichter; daß aber auch in der Kleinstadt, der „Provinz" der geistige Hochstand aufgebracht wird, den ein solches Unternehmen auf jeden Fall erfordert, muß doch zu den rühmlichen Seltenheiten gezählt werden.

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