B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 4 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 109 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9597803-9597901--0410-9597924- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
109 Konferenz in Fragen der Hilfsaktion zugunsten der notleidenden jüdischen Bevölkerung in Deutschland. Über Anregung der Jüdischen Welthilfskonferenz hat am 20. und 21. Februar 1924 in Berlin eine Konferenz unter dem Vorsitz von Herrn Leo M o t z k i n, Paris, stattgefunden, welcher Vertreter jüdischer Hilfsaktionen aus der Schweiz, Cechoslovakei, Österreich, Holland, Schweden, England und Polen beiwohnten. Vertreter aus Dänemark, Litauen, Lettland, Jugoslavien und anderen Ländern haben jedoch ihre Breitwilligkeit zur Mitwirkung schriftlich zum Ausdruck gebracht. In den einleitenden Worten gab der Vorsitzende ein Bild dessen, was bisher von der Jüdischen Welthilfskonferenz direkt oder indirekt zur Abhilfe der jüdischen Not in Deutschland geleistet wurde. Er betonte das besondere Verständnis der Juden aller Länder für die Not unter einem Teile ihrer Brüder in Deutschland und schilderte die nahen Beziehungen des gesamten jüdischen Volkes zu den deutschen Juden im Hinblick auf ihre Verdienste um die jüdische Philanthropie, um die jüdische Wissenschaft und jüdische Kultur. Eugen C a s p a r y drückte als Obmann der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden die Genugtuung darüber aus, was bisher seitens des amerikanischen Judentums, durch das Joint Distribution Comitee sowie seitens der Welthilfskonferenz und anderer ausländischer jüdischer Organisationen auf diesem Gebiete geleistet worden ist. Im Namen der ausländischen Vertreter begrüßte Oberrabbiner Br. C h a j e s, Wien, die Konferenz, in der er einen Ausdruck der Brüderlichkeit des Judentums der Welt erblickte. Staatsrat T e i f e 1, ehemaliger Richter in Rußland, drückte sodann im Namen des Verbandes russischer Juden seine Befriedigung über das Zustandekommen dieser wichtigen Konferenz aus. Im Namen der jüdischen Gemeinde Berlin begrüßte Karnmergerichtsrat W o 1 f f die Versammlung. Aufgabe der Konferenz war, eine Darstellung der Notlage innerhalb eines bedeutenden Teils der Juden Deutschlands sowie der Selbsthilfsleistungen zu geben, einen Überblick über die bisher in den einzelnen europäischen Ländern unternommenen Hilfsaktionen zu gewinnen, auf Systematisierung des Hilfswerkes und auf die bestmöglichste Regelung für die in Deutschland bestehenden Notstände hinzuwirken. Zunächst gab Herr Dr. S e g a 11, Generalsekretär der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, eine zusammenfassende Darstellung der in Deutschland bestehenden Verhältnisse innerhalb der Gemeinden, der Anstalten des Mittelstandes u. s. w. auf Grundlage eines reichen Ziffermaterials und behandelte gleichzeitig die Maßnahmen, die von den Juden in Deutschland mit größtem Nachdruck ergriffen worden sind, um aus eigenen Kräften der Not zu steuern. Hiebei betonte er, daß die Anzahl der Juden in Deutschland um 100.000 größer sei, als sie entsprechend der Abtrennung von Ländergebieten sein sollte, hauptsächlich infolge der starken Zuwanderung von Ost und West. In sozialer Beziehung wies er darauf hin, daß unter den deutschen Juden 19% selbständige Intellektuelle seien, von denen 71°/0 vom Eigenen leben müssen. Frauen, vielfach Ernährer ihrer Familien, werden immer mehr aus den Berufen hinausgedrängt, die jüdische Wohlfahrtspflege, welche früher in allen Gemeinden gut fundiert war, ist infolge der Entwertung der Millionenstiftungen und der geringen Gemeindeeinkünfte notleidend geworden. Ähnliches gilt von den 155 Jugend- und Altersfürsorgeanstalten. Deutschland tue das Möglichste, könne sich aber nicht aus Eigenem erhalten. Frau Henriette May berichtete über „Kinderhilfe" und beleuchtete den ungünstigen Gesundheitszustand, die unzureichenden Wohnungs- und Bekleidungsverhältnisse, die außerordentlich bedenklichen Beruf sausbildungsfragen.