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B'nai B'rith · 1924-04-01 · 4 (4.1924) · p. Seite 99

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
3 (1924)
Issue
4 (4.1924)
Date
1924-04-01
Page
Seite 99 (sequence 13)
Language
German
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93 Wahrheit und in dieser Erkenntnis liegt die Bedeutung Ihrer Zukunft, die dauernd mit dem von Ihnen erwählten Namen verknüpft sein wird. Darin wird sich Ihre Zukunft ausleben, im Auseinanderhalten, im Scheiden der absoluten „Veritas" von der relativen. Unser ganzes Streben nach Wissen und Erkenntnis ist ein Drängen und Forschen nach Wissen und Wahrheit und wenn wir es in diesem Streben weiter gebracht haben, dann kommen wir der Sokratischen Weisheit näher, „zu wissen, daß wir nichts wissen", oder der Faustischen „zu sehen, daß wir nichts wissen können"; oder wir erkennen allenfalls, wie wenig eben in Wirklichkeit zeitlos wahr bleibt, wie vielmehr so vieles, ja das meiste von dem, was wir schon wahr genannt haben, in den Rahmen jener Wahrheiten gehört, von denen Ibsen den Dr. Stockmann im Volksfeind sagen läßt, daß sie durchwegs nicht zählebige Methusalems sind, daß vielmehr eine normal gebaute Wahrheit in der Regel siebzehn bis achzehn, höchstens zwanzig Jahre lebt, selten länger. Diese Erkenntnis der Kurzlebigkeit einer Wahrheit ist keineswegs das Ärgste im Streben nach Wahrheit, ärger ist es, daß der Zeitpunkt meist nicht erkannt wird, wenn die Wahrheit aufhört Wahrheit zu sein, wenn die „Träger der Wahrheit" übersehen, daß diese Wahrheiten schon so hoch in die Jahre gekommen sind, daß sie eben auf dem Wege sind, wackelig zu werden. Eine Wahrheit, die eben so alt geworden ist, ist dann leider auch oft auf dem Wege, eine Lüge zu werden. Oft aber macht sich ein Teil der Fortschrittsträger erst dann mit dieser „Wahrheit" vertraut, wenn sie für einen andern Teil schon aufgehört hat, „Wahrheit" zu sein und ein anderer Teil klammert sich wieder in Jahrzehnte hindurch erlangter Gewohnheit an die vermeintliche, für ihn zur „Uberzeugung' gewordene Wahrheit, verschließt sich in solchem Konservativismus der — sagen wir — wenigstens derzeit wahren Erkenntnis und so erleben wir das immer wiederkehrende paradoxe Schauspiel, daß Fortschritt und Erkenntnis eben durch Wahrheit gehemmt werden. So sehen wir, daß es schon einen großen Fortschritt im Suchen nach Wahrheit bedeutet, wenn wir uns der allenthalben gültigen Tatsache nicht verschließen, daß immerwieder das Morgen das Heute lügenstrafen wird, wie es auch das Heute dem Gestern stets getan! Und in dieser Erkenntnis, an die Sie sich und uns alle mit Ihrem Namen mahnen, liegt die ganze Bedeutung unserer Ordensidee. Die Erkenntnis muß wach bleiben, daß wir ein Bund von Menschen sind, die solange irren, solange sie streben. Nie aber wird ihr Irrtum gefährlich werden, gefährlich bleibt immer nur das Nichterkennenwollen des Irrtums. Auch im Streben nach Wahrheit innerhalb unseres Ordens wird nur durch die Erkenntnis der Begrenztheit der Wahrheit das endlich Erreichbare in den Bereich des Erreichbaren gerückt. Und so sehe ich mit goldenen Buchstaben ihren herrlichen Namen über der Pforte Ihres Tempels prangen. Sein wahrer Inhalt aber scheint mir nicht durch das ihn verkörpernde Wort, sondern durch seine Lesart richtig zum Ausdruck zu kommen. Nicht mit einem Rufzeichen möchte ich ihn gelesen wissen, sondern mit jenem vielsagendem Dreiklang:!?!, Rufzeichen, Fragezeichen, Rufzeichen!

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