B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 4 (4.1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- Seite 93 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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93 Wahrheit ist ja das Leitwort unserer Loge — sind die Bedenken auch heute nicht ganz geschwunden. Aber das Generalkomitee hat den Beschluß gefaßt und wir sind viel zu folgsame Brüder, um dem Auftrage des Generalkomitees nicht nachzukommen und Sie können versichert sein, daß auch die Brüder, die ihre Bedenken bis zum letzten Moment nicht aufgegeben haben und daher der Gründung Widerstand geleistet haben, sich heute voll und ganz in den Dienst unserer Sache gestellt haben und mit Leib und Seele für das Gedeihen unserer Loge eintreten werden. So ist denn vollendet das Werk. „Prunkvoll prahlt Der prangende Bau, Wie im Traum ich ihn trug, Wie mein Wille ihn wies, Stark und schön Steht er zur Schau." Und wie man einem neugeborenen Kinde alle Segenswünsche auf den Lebensweg mitgibt, so spreche auch ich heute den Wunsch aus, daß dieses Heim, das wir heute eingeweiht haben, ein wahrer Ordenstempel werden möge, ein wahrer Tempel der Humanität, daß die Loge, die wir in demselben begründet haben, eine Pflanzstätte reinster und edelster Menschlichkeit werden möge, ein starker Pfeiler unseres Ordens. Als wir vor mehreren Wochen zum erstenmale dieses unser neues Heim bezogen, habe ich als Devise für dasselbe das alte Spinozawort gewählt: „Homo homini deus." Denn an die Stelle des Gottesglaubens den Glauben an die Menschheit zu setzen, den göttlichen Teil der Menschennatur in sich und den anderen Mitmenschen zu begreifen, das ist ja die Voraussetzung dafür, alle Mitmenschen mit Liebe und Verehrung zu umfassen; das Göttliche in sich weiter zu entwickeln, die eigene Seele von den irdischen Schlacken zu befreien, sich also, um mit Nietzsche zu sprechen, hinauf und empor zu entwickeln, dann aber durch das eigene Beispiel und durch direkte Einwirkung auch veredelnd und erziehend auf die Mitmenschen einzuwirken, das ist ja das hohe Ziel unseres Ordens, der sich mit Recht einen Humanitätsverein nennt. Denn Erziehung und Bildung sind die Waffen, mit welchen in moderner Zeit der Kampf um Ideen und Ideale geführt wird und die den endlichen Sieg der Humanität über verdummende Vorurteile herbeiführen werden. Um aber die ethische Erziehung der Menschheit durchzuführen, dazu ist es das erste Erfordernis, daß wir uns selbst erziehen, daß wir auch außerhalb unseres Logenheimes nie vergessen, daß wir Ordensbrüder sind, daß wir auch unser Leben derart einrichten, daß dasselbe unserer Devise W. B. u. E. entspreche und stets als Vorbild allen jenen dienen könne, die nicht oder noch nicht zu den Unsrigen gehören. Die ethische Erziehung des einzelnen muß die Grundlage unseres Strebens sein. Lauterkeit des Charakters, Ehrenhaftigkeit der Gesinnung, Opfer-