B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 2 (2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 51 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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51 Hand aufs Herz, meine lieben Brüder, wer kann von sich sagen, daß er der Forderung der Bruderliebe gerecht wird, oder daß er mit tiefem, heiligen Ernst darauf bedacht ist, ihr zu entsprechen. Liebe ist übrigens ein Gefühl, das man gar nicht gebieten kann. Sie werden mir vielleicht im Stillen darauf erwidern, daß das Judentum gar den Satz aufgestellt habe: „Dusollst Deinen Nebenmenschen lieben wie dich selbst." Doch wenn Sie die betreffenden Stellen in der Bibel nachschlagen, werden Sie sehen, daß sie alsbald daran praktische und greifbare Forderungen geknüpft hat. Denn so heißt es Lev. 19, 18: Du sollst Dich nicht rächen, Du sollst nichts nachtragen. Liebe Deinen Nebenmenschen wie Dich selbst. Unsere Devise beläßt es aber bei der ganz allgemeinen Forderung: Bruderliebe, mit der man nicht recht was anfangen kann. Es war ja nie jüdische Gepflogenheit, viel von Nächstenliebe zu reden, man hat sie vielmehr überall zu betätigen gesucht, was weit wertvoller war. So ist denn der Begriff Bruderliebe schon gar oft Gegenstand der Erörterung und Auslegung in den Logen gewesen, und erst bei der letzten Großlogensitzung im November 1920 haben Br. Holländer und Br. Cahn eine eingehende Interpretation hierzu gegeben. Aber ich meine, daß ein Wahlspruch, der einer Interpretation und eingehenden Auslegung bedarf, um richtig verstanden und angewandt zu werden, kein Wahlspruch ist. Er muß vielmehr so gefaßt sein, daß er schon an und für sich das Gemüt gefangen nimmt und dem Willen eine bestimmte Richtung zuweist. Darum verwerfe ich den Ausdruck Bruderliebe, da er zu unbestimmt, zu verschwommen und zu überschwenglich ist und man in der Praxis nicht weiß, was man mit ihm anfangen soll. An seine Stelle möchte ich die Forderung der Freundschaft setzen. Sie werden mir vielleicht darauf erwidern, auch Freundschaft sei ein Gefühl und ebensowenig wie die Bruderliebe lasse die Freundschaft sich gebieten. Doch besteht zwischen beiden ein gewaltiger Unterschied und ich möchte sagen, daß Freundschaft die notwendige und logische Folge der bereits aufgestellten Forderung der Selbstveredlung ist. Gehört es doch zur Wesensidee des Ordens, daß die Brüder in engere geistige Beziehung zu einander treten, kraft deren der eine auf den andern einwirkt, der eine den andern fördert und veredelt. Da ist jeder ein Gebender, jeder ein Empfangender. Suchen aber alle, der Aufgabe der Selbstveredlung entsprechend, edelmütig und seelisch groß zu werden, dann schlingt sich ganz von selbst ein inniges Band um all die Gleichstrebenden. Der gemeinsame Wille zum Guten, das Streben nach dem Höheren bindet einen an den andern. Freundschaft, wahre Freundschaft kann nur unter guten und edlen Menschen sich entwickeln. Sind aber die Menschen gut und edel, dann muß zwischen den Nahestehenden eine freundschaftliche Seelengemeinschaft sich entfalten. Das ist ja gerade die allbezwingende Macht des Guten, daß es seine Träger und Vollführer enger aneinander schließt und innig mit einander sich verbinden läßt. So wird sich ganz von selbst ein Freundschaftsverhältnis zwischen den Brüdern entwickeln. Und können auch nicht alle Brüder in engere persönliche Beziehung zu einander treten, daß jemand von dem anderen