B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 3 (1924)
- Issue
- 2 (2.1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- Seite 50 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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50 aufzubauen, um durch uns zu den Außenstehenden zu gelangen und durch uns die gegenwärtigen Zustände nach unserem Teile bessern zu helfen. So sollen die Logen innerhalb der Judenheit zu einem seiner Aufgabe sich bewußten Träger des gegenwärtigen Kulturprozesses werden. Damit entsprechen wir aber auch unserer Bestimmung als Juden. Als Abraham aus seinem ehemaligen Vaterlande auf göttlichen Befehl einstmals auszog, wurden ihm die Weisung: „W'hje brochoh" Werde zum Segen! Das bezog sich auf sein Verhältnis zu den Nebenmenschen, für ihn selbst ward aber die Forderung aufgestellt „W'hje thomim" „werde vollkommen" u. wie ersteres gilt dies auch für uns. Ohne Selbstveredlung kann man auch nicht für andere zum Segen werden. Und wie wir uns gegenseitig zu mahnen pflegen: W'hje brochoh, so wollen wir uns selbst stets die Aufforderung ergehen lassen: „W'hje thomim", „werde vollkommen". Ich komme am Schlüsse nun zur Besprechung der Bruderliebe und Eintracht. Hierbei darf ich mich kürzer fassen und brauche Ihre Geduld und Nachsicht nicht mehr so lange in Anspruch zu nehmen. Bei ihnen muß es uns vorallem wie bereits erwähnt, auffallen, daß in dem Begriffe Bruderliebe die Forderung der Eintracht ihrem ganzen Sinne nach enthalten ist und daß diese deshalb als vollständig überflüssig erscheinen muß. Doch wir haben bereits gehört, wie sehr ehemals die Eintracht bei den amerikanischen Juden vermißt wurde u. wie auseinanderstrebende Tendenzen bei ihnen in Erscheinung traten. Und um dem zu steuern, um sie zu einer organischen Einheit zusammenzuführen, betonte man die Forderung der Bruderliebe und der Eintracht, wenngleich letztere in der ersteren ihrem vollen Umfange nach inbegriffen war. Heute haben wir aber nicht mehr den geringsten Grund, diese Tautologie beizubehalten, denn wir haben heute im großen und ganzen Eintracht unter den deutschen Juden. Mögen auch noch die alten Parteiungen vorhanden sein, es suchen sich doch die einzelnen Parteien zusammen zu vertragen und gegebenen Falles sich zu gemeinsamen Wirken zu vereinen. Und es ist gerade das Verdienst unseres Ordens, daß er nach dieser Richtung hin recht segensreich gewirkt hat. Er bildete den Boden, auf dem alle Konservative und Liberale, Orthodoxe und Reformer sich zusammenfanden, wo man sich gegenseitig näher trat, besser beurteilen und schätzen und achten lernte. Drum erscheint mir die Forderung der Eintracht vollständig überflüssig. Doch ich gehe noch weiter. Auch das Wort Bruderliebe will mir durchaus nicht gefallen. Es klingt mir viel zu süßlich, zu verschwommen und zu unbestimmt. Es wirkt viel zu dekorativ, als daß es immer ernst genommen werden könnte. Wie soll denn die Bruderliebe zutage treten. Wie soll man sie betätigen? Gewiß, wir nennen uns Brüder. Daran möchte ich auch nichts geändert wissen, zumal man auch sonst von Vereinsbrüdern spricht. Nun aber darum gleich Bruderliebe zu fordern, das erscheint mir viel zu umfassend, als daß man dieser Forderung entsprechen könnte. Hier bewährt sich der Ausspruch unserer alten Weisen: „Willst Du zu viel umfassen, so umfasst Du nichts."