B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 238 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/9582244-9582244-9597527-9597768--0270-9597788- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
238 schaft, mit der er sich verwachsen fühlte. Er war ein guter Jude und ein guter Deutscher — freilich nicht im Sinne der Blutsgemeinschaft, sondern der Kultur und Schicksalsgemeinschaft. Die Treue bewirkte es auch, daß Herrmann, der ein modern fühlender Mensch war, trotzdem an althergebrachter Sitte hing und daß er einen konservativen Zug hatte. Selbstbeherrschung und Treue kennzeichnen auch sein Verhältnis zu unserm Bund. Vom ersten Augenblick an, da er der unsrige wurde, vertiefte er sich in den Bundesgedanken. Nie fehlte er ohne Zwang der Verhältnisse bei unsern Sitzungen. Er war der beste Kenner unserer Regeln und Gebräuche, an denen er mit der ihm eigenen Treue hing. Jede Anregung prüfte er vorerst dahin, ob sie mit unsern Gesetzen und Gebräuchen im Einklang stehe, dann erst erwog er ihren Nutzen für den Bund und für die Allgemeinheit. Bruder Herrmann war ein Mensch von reichem Innenleben. Weil er viel in sich hineinlebte, erschien er vielen als verschlossen. Nicht jedem und nicht auf den ersten Blick eröffnete er seine Seele. Aber traf er auf eine gleichgestimmte Seele, dann erschloß sich sein Inneres und die Schirfe seines Geistes wurden offenbar. Zumal in der N :tur löste sich sein Gefühl auf. Er konnte da lange in sich versunken bleiben, bis er plötzlich auftaute. Dann sprach er mit Schwung und Begeisterung über das Leben, wie er es auffaßte, und über die Ziele, die er sich setzte. Dann fühlte er sich selbst als ein Stück Natur, als Splitter des Kosmos. So gedenke ich mit Wehmut eines Sommermonates, den ich vor Jahren mit ihm in Zell am See verlebte. Wenn wir den See entlang gingen, das tiefblaue Wasser vor uns, den strahlenden Himmel über uns, und rechts und links die Bergesnesen, dann ging ein Erschauern durch Herrmanns Seele, dann fühlte er sich eins mit dieser Herrlichkeit. Sein Auge glänzte wie trunken. Ähnlich wirkte die Musik auf ihn. Es gibt sogenannte Kunstenthusiasten mit dem Munde, mit der Phrase. Die Wirkung der Kunst geht bei den Vielzuvielen nicht auf den Willen, sie berührt nicht den innern Menschen, sie geht nur auf Auge und Ohr, und entlockt Rufe wie: herrlich, entzückend, großartig! Herrmann stimmte die Musik zur Andacht. Das Schöne wandelte sich in ihm zum Guten, das Gute zum Schönen, die Musik wurde ihm zur Religion. Neben Besonnenheit und Treue zeichnete ihn unbedingte Wahrhaftigkeit aus. Die Wahrhaftigkeit gegen sich schätzte ihn vor Überhebung. Nie tat Herrmann etwas aus Pose, nie suchte er sich in Szene zu setzen. Er handelte nach dem Sittengesetze, das in ihm wach war und sich als Pflichtgefühl äußerte. Von ihm galt das Wort, das der Bischof in Grillparzers „Weh dem, der lügt" Leon auf den Weg gibt: „War nur der Mensch erst wahr, er wär auch gut." Diese Wahrhaftigkeit empfanden wir oft. Herrmann sagte uns immer die Wahrheit und wir nahmen sie aus seinem Munde gerne auf. Eine Synthese seines nachdenklichen Wesens und seines innern Rhythmus war sein Humor. Er war gewissermaßen das Mittel, das gestörte innere Gleichgewicht wieder in Ordnung zu bringen. Wo ein anderer seinen Zorn entlud, fand er in aller Ruhe ein witziges Wort, das Lachen auslöste u. den Bestraften entwaffnete. Fassen wir das Leben Herrmanns zusammen, so können wir sagen, es war durchaus nicht eitel Mühe und Plage, es war glücklich, soweit überhaupt vom Glück des Irdischen gesprochen werden kann. Wohl blieb ihm Leid nicht erspart, wohl war ihm nichts Menschliches fremd. Aber weil er das Glück in sich suchte, weil er ein in sich gefestigter Charakter war, weil er im Beglücken anderer innere Befriedigung fand, weil ein gutes Buch, eine Beethovensche Symphonie ihn beseeligen konnte, weil er nichts für sich vom Leben verlangte, weil er selbstgenügsam war, fühlte er sich schon glücklich in der treuen Erfüllung seiner Pflichten. Ein solcher war er schon der unsrige, ehe er zu uns kam. Wir erkannten seinen Wert, und stellten ihn — ein seltener Fall — schon 3 Jahre nach seiner Aufnahme an die Spitze unserer Loge. Und als er schon längst von der Leitung zurückgetreten war, fühlte er immer noch sich für die Loge verantwortlich. Sein Leben lang fühlte er sich als Präsident der Loge. Uns aber war er ein Vorbild, dem wir nacheiferten. Ein Lieblingswunsch erfüllte sich ihm, als sein Sohn in unsern Bund aufgenommen wurde. Man hört häufig: Jeder Mensch sterbe nur sich; dieses banale Wort wurde bei Dr. Herrmann zur Lüge. Weil er niemals sich gelebt hatte, starb er nicht sich, sondern den Seinen, dem Bunde, der Menschheit.