B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 236 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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236 retiker ermangelt wissenschaftlicher Behutsamkeit — sie ist aprioristisch. Die Rassentheorie will Wissenschaft sein und ist ein zwitterhaftes Gebilde aus mißverstandener Wissenschaft und parteipolitisch gefärbter Geschichtsphilosophie. Um den Einfluß der Rassentheorien auf die Politik zu überprüfen, bemüht sich Goldstein in anerkennenswerter Weise, die Begriffe zu klären und untersucht daher die Wechselbeziehungen zwischen Rasse und Nation, indem er die Frage aufwirft, ob Nation Abstammungsgemeinschaft ist. Hierbei kommt er zu einem negativen Ergebnis und belegt dies durch zahlreiche Quellenangaben und Beispiele. Wenn jedoch Goldstein weiter die Frage aufwirft, ob Rasseneigenschaften überhaupt feststellbar sind und auch hier zu einem negativen Ergebnis kommt, so vermag ich ihm in dieser Argumentation nicht mehr vollkommen zu folgen. Ich kann die Schlüsse, zu denen sich Goldstein hier versteigt, nur dadurch erklären, daß das Buch in der Abwehr gegen den Antisemitismus geschrieben ist, daß es in erster Linie auf ein nicht jüdisches Publikum wirken will. Wenn Goldstein zum Beispiel aus der Tatsache, daß die Juden in frühem Zeiten ein ackerbautreibendes Volk gewesen sind und keinerlei Handelsgeist zeigten, schließt, daß die Begabung der Juden für den Handel nicht als eine Rasseneigenschaft aufzufassen ist und daß die wirtschaftliche Position der Juden in der Handelswelt nur eine zufällige Begleiterscheinung wirtschaftlicher Verhältnisse ist, so erscheint mir dies wohl übertrieben, und dieser Schluß ist wohl nur dadurch zu erklären, daß Goldstein sich bemüht, die Übertreibungen der antisemitischen Rassentheoretiker wieder durch Übertreibungen zu widerlegen. Doch ist trotz dieser Übertreibungen auch dieses Kapitel wertvoll. Es bringt eine Fülle von wohlgeordnetem Material und widerlegt in klarer Weise die von den Antisemiten gegen die Juden erhobenen Vorwürfe. In dem letzten Kapitel „Religion und Rasse" will Goldstein beweisen, daß auch der Monotheismus nicht.ein Produkt der jüdischen Rasse ist, sondern, daß die jüdisch-christliche Religion aus Menschheitsidecn geboren und nur zufällig bei dem jüdischen Volke entstanden ist. In diesem Kapitel zeigt sich ein eminenter Gegensatz zwischen den Ideen Goldsteins und Kahns, welcher die Bibel als die höchste Leistung des jüdischen Geistes feiert. Goldstein begeht hier meines Erachtens den Fehler, daß er sich, verwirrt durch die Angriffe der Antisemiten auf dieses Buch, in der Verteidigung gegen die im Zusammenhange damit gegen die Juden erhobenen Anschuldigungen und in Konsequenz seiner Theorie, welche die Rasse als Begriff überhaupt nicht gelten lassen will, zu Schlüssen verführen läßt, welche er bei affektloser Betrachtung sicher nicht aufrechterhalten könnte. Im Verfolge seiner Ausführungen kommt Gold stein zu dem Bekenntnis zur Rassentheorie und damit zum Rassenantisemitismus, die Entscheidung für das Heidentum bedeutet und schließt mit den Worten: Wem Lessing und Herder, Goethe und Schiller, Kant und Fichte noch weiterhin bauende Mächte deutschen Lebens sind, der mag zu Juden und Judentum stehen, wie er will — er wird im Namen dieser deutschen Geister den Materialismus der Rassentheorie als undeutsch von sich weisen!