B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 232 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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232 neu fühlen lernen und im tapferen Glauben des Psalmwortes: „Siehe, der Hüter Israels schläft und schlummert nicht" die Stille der Seele finden. Nur so können wir unser kleines Leben weiten und tiefen, nur so werden wir aus Nachkommen Erben, aus Epigonen wieder eigenlebige Menschen, nur so wird aus Abend und Morgen der neue Tag. Und schließlich: Was nützt alle geschichtliche Überlieferung, wenn wir nicht in ihr das Ewig Menschliche empfinden, wenn wir nicht imstande sind — das Kennzeichen jeder echten Bildung — alles vergangene Geschehen, soweit es uns in großen Symbolen überliefert ist, als Gegenwart, als die Gegenwart auch unserer Nöte und Seligkeiten zu erfassen? 4- Es gibt eine Stelle in der Jugendlehre von F. W. Förster, an die ich immer denken muß, wenn mich die geistige Art des Judentums unserer Tage beschäftigt. Ich setze die Stelle im Auszuge hierher. Kein Jude hätte schlichter und ergreifender von unserer Bibel und ihrem ewigen liebenswerte sprechen können. ,,Im Alten Testament ist ,das Göttliche gegenwärtig', weil es von genialen Männern in höchster Konzentration aller Willensmächte erfaßt wurde — und weil dies der Fall ist, weil Gott dort ein brennendes Feuer, eine Steigerung und Sammlung aller Lebenskräfte ist, darum empfindet auch der Mensch, der nicht verlehrt ist, bei der Lektüre, daß er hier eine Schöpfung vor sich hat, die ungleich aller andern Literatur durchglüht ist von jenem Geiste des Lebens, der nach den Worten der Genesis am Weltbeginne über den Wassern schwebte." Gottfried Keller hat sich einmal darüber verwundert, daß das, was „vor vielen Jahrtausenden unter fernen Palmen sich ereignete", immer noch als sicherste Grundlage unserer modernen Lebensordnung betrachtet werde. Er hat dabei übersehen, daß das Ewig- Menschliche gerade damals unter jenen fernen Palmen so tief und künstlerische lebendig empfunden und dargestellt wurde, daß an diesen Darstellungen immer noch unser eigenes Leben zu seinem vollsten Bewußtsein erwacht und daß Demagogen über die Hervorbringungen des modernen Geistes, weil sie von kraftloseren und innerlich weniger gesammelten Menschen stammen, ein weit blasseres und trüberes Bild der Grundtatsachen der Menschenseele geben als jene Erzeugnisse fernster Vergangenheit. Darum eben sind wir vollends berechtigt, hier immer noch die festeste Grundlage einer wirklichen Bildung für das Leben zu suchen. Zur Aussprache unseres Namens, Es ist wohl für das Wesen unserer Brüderlichkeit gleichgültig, ob wir uns Benaj bris oder bnej brits oder bene bris (oder welche Variation es sonst geben mag) nennen. Aber manchmal ist die Unsicherheit des Namens doch nur Unsicherheit innerer geschichtlicher Verbundenheit. Nicht aus philologischer Sauberkeit, sondern aus