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B'nai B'rith · 1923-12-01 · 10 (12.1923) · p. Seite 231

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
10 (12.1923)
Date
1923-12-01
Page
Seite 231 (sequence 13)
Language
German
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231 Solche Bildung war den ärmlichsten Juden eigen: es war echte Volksbildung, denn alle, arm und reich, hoch und niedrig, nährten sich von der gleichen Bildungssubstanz: der Bibel. Die Scheidung in Volk und Gebildete — eine Folge der Renaissance — kannte das Judentum nicht. Die größten Rabbiner, heißt es bei Maimonides, waren Lastträger, Schmiede, Holzhauer und Wasserschöpfer und sie verlangten nichts von der Gemeinde, noch wollten sie irgend etwas annehmen, wenn es ihnen angeboten wurde." (Hilc. Masnoth Anigim X. 18.) 3- Das 19. Jahrhundert hat die religiöse Bildungssubstanz der Jahrtausende aufgelöst: ihre Zerfallsprodukte nennen wir „die Moderne". Wir sind an Wissen reich, an Weisheit arm geworden. Grimmig hat Nietzsche den „Bildungsphilister" gegeißelt — an David Friedrich Strauß hat er diesen Typus erkannt, dem heute noch nicht wenige unserer großstädtischen Unglaubensgenossen nacheifern. Als ich einmal ein Exemplar dieser Gattung auf die Lektüre der Bibel verwies, bekam ich die Antwort: „Dazu habe ich keine Zeit, ich muß mit der modernen Literatur ä jour bleiben." Man mißverstehe mich nicht: ich fordere nicht, daß wir wieder Ghettojuden werden sollen. Solch seltsame Forderung klingt wohl bisweilen bei sehr jungen jüdischen Neuromantikern an. Würden wir wieder in das Ghetto zurückkehren oder zurückversetzt werden — die Ungebrochenheit mittelalterlicher Gläubigkeit könnten wir mit der Repristination eines äußeren Lebensstandes nicht wiedergewinnen. Auch in der Geographie sehe ich nicht eine Erlösung aus unserer geistigen Not. Das jüdische Bildungsproblem ist ja nur ein besonderer Fall jenes geistigen Schicksals, an dem heute alle europäische Kultur leidet Man nenne es Relativismus oder Historismus, man spreche, wie Spengler, von Untergang des Abendlandes, immer drängt dieine Sehnsucht qualvoll empor: Wie finden wir im peinigenden Gewire widerstreitender Geistesrichtungen, in der Zermürbung überlier ferter Ideale, in der Banalisierung ehemals tiefsinniger Glaubensr Überzeugungen die einheitlich geschlossene Lebensmacht ewige- Ideen wieder, die unbedingten Leitziele unseres Denkens und Handelns, jenen Glauben, um den es als Jude wert ist zu leben und zu sterben? Für uns westeuropäische Juden, die wir am spätesten in die Auflösung des neuzeitlichen Geistes hineingerissen worden sind und rückhaltlos fast bis zur Selbstauflösung diesem Strudel uns hingegeben haben, für uns Juden ist das Problem der Zeit innerste Schicksalsfrage. Sollen unsere Märtyrer, vergebens den Scheiterhaufen bestiegen haben, soll das Schema Jisroel, mit dem unsere Väter und Mütter in den Frieden Gottes eingegangen sind, eine bedeutungsleere Formel geworden sein oder liegt in unserer langen, schauerlich großen Geschichte ein heiliger Sinn verborgen, ein auch auf uns überströmender Segen, dem unser Herz sich demütig zu öffnen hat? Ein bloßes Wissen um diese Geschichte genügt nicht, so notwendig es auch ist. Wir müssen dieses Wissen in Leben verwandeln, wir müssen das Heldenhafte dieses jüdischen Schicksals

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