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B'nai B'rith · 1923-12-01 · 10 (12.1923) · p. Seite 230

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
10 (12.1923)
Date
1923-12-01
Page
Seite 230 (sequence 12)
Language
German
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230 vermittelt. Man denke: eine Gruppe, die in ungebrochener Sicherheit religiöser Tradition lebt, wird plötzlich dem Geiste der Aufklärung, dem Geiste Voltaires und Holbachs ausgeliefert. Menschen des 16. Jahrhunderts sollen plötzlich zu Menschen des 19. Jahrhunderts werden. Das Judentum als lebendige Religion hat immer schon mit einer andersgeistigen Umwelt gerungen. Die großen Männer des biblischen Zeitalters kämpften den Kampf gegen das Heidentum — nach innen und außen. Dem Hellenismus stellte sich Philo von Alexandrien entgegen. Er schuf die Synthese von Moses und Plato. Als die mittelalterliche Wissenschaft, die Scholastik, emporkam, wies Maimonides der jüdischen Glaubenslehre den Weg. Aber diese Auseinandersetzungen liegen innerhalb der religiösen Sphäre. Ob das Judentum sich gegen Baalkurt, gegen Griechentum oder christliche Scholastik wehrte, immer stand Religion gegen Religion. Am Ende des 18. Jahrhunderts sah sich das Judentum zum erstemal einem von machtvoller Kultur getragenen Atheismus gegenüber, einer entgotteten Welt, deren Zauber Freiheit von aller Bedrückung versprach. Gegen andere Gottheiten hat das Judentum seinen Glauben siegreich erhalten: gegen den Atheismus hat es versagt. Atheistisches Judentum ist eine contradictio in adjecto. Das logisch Unmögliche existiert um uns in tausendfachen Gestalten. 2. Der Jude vor der Emanzipation mochte in seinem wirtschaftlichen Verhalten noch so kapitalistisch sein, seine Seele war es nicht. Ob auch gleich der Alltag mit seiner aufpeitschenden Art ihn zu einem rechnenden Menschen gemacht hatte, der Feiertag ließ allen Staub der Landstraße vcn ihm absinken und wandelte ihn zu einem priesterlichen Menschen. Dieser Jude besaß Bildung, d.h. die Kraft, seine Erfahrungen und Schicksale aus den Gedanken seines heiligen Buches einheitlich zu verarbeiten und zu verstehen, alles Zeitliche zum Abglanz des Ewigen zu verklären. Er mochte von Naturwissenschaft und französischer Literatur nichts verstehen, er war dennoch tiefer gebildet als die Leser der Henriade und der moralischen Wochenschriften. In den Noten und Abhandlungen zum Westöstlichen Diwan schreibt Goethe einmal: ,,Wer sich noch aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts erinnert, wie unter den Protestanten Deutschlands nicht allein Geistliche sondern auch wohl Laien gefunden wurden, welche mit den heiligen Schriften sich dergestalt bekannt gemacht, daß sie, als lebendige Konkordanz, von allen Sprüchen, wo und in welchem Zusammenhange sie zu finden, Rechenschaft zu geben sich geübt haben, die Hauptstellen aber auswendig wußten und solche zu irgend einer Anwendung immerfort bereit hielten: der wird zugleich gestehen, daß für solche Männer eine große Bildung daraus erwachsen mußte, weil das Gedächtnis, immer mit würdigen Gegenständen beschäftigt, dem Gefühl, dem Urteil reinen Stoff zu Genußbehandlung aufbewahrte."

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