B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 229 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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229 erfüllt, hat unser Bund die bewährten Traditionen bewahrt und sich treulich den schweren Aufgaben gewidmet, die an ihn herangetreten sind. Vieles bleibt der kommenden Zeit vorbehalten, Vieles, Schweres, Bedeutsames. Unser Bund soll die Stätte sein, aus der uns Kraft zur Tat und Mut zum Ausharren emporquillt. Diesen Mut gebe uns der feste Glaube an die hohe Sendung unseres Bundes. Wir glauben an diesen Bund als die Quelle und den Träger erhabener Menschheitsgedanken und bekennen uns zu seinem Leitwort: „Werde zum Segen!" In diesem Gedanken liegt in Kürze eine ganze Weltanschauung, liegt ein ganzes Glaubensbekenntnis, und zwar nicht ein kaltes, wie die anderen, welche in den Tagen des Streites von Menschen gemacht sind, sondern ein herzliches und hohes. Wer den Logengedanken inne hat, der hat einen genügenden festen und breiten Grund, auf dem er bauen kann. Die Menschheit hat keine heiligere Fahne als ihn und der einzelne Mensch, ob Kind oder Kaiser, Staatsmann oder Arbeiter, er kann nicht höher steigen, als wenn er diesem Gedanken huldigt. Also wollen auch wir emporstreben, soweit ein Mensch nur streben kann und unsere Herzen heben, so hoch wir sie heben können. Auf die Höhe der Menschheit wollen wir treten, wo das Licht uns strahlt aus dem hohen ewigen Land. Du Bundesgedanke, Du unser tiefstes Wort, wir neigen uns vor Dir, die wir des Bundes sind. Wir grüßen Dich! Ziehe hin und wandere durch die Welt! Pflanze Dich in jedes Herz und mache die Erde einst zum Garten Gottes! Und laß uns Dich suchen, solange wir leben! Laß uns in Deinem reinen Lichte stehen, dann werden wir Dir immer folgen und mit Dir gehen ins andere Leben. Bemerkungen zu unserer geistigen Not. Von Br. Expräs. Prof. Dr. J. Goldstein (Darmstadt). I. Die Emanzipation bedeutet den Auszug aus dem Ägypten des Ghettos — aber wir wandern noch immer durch die Wüste, ohne den Weg zum Sinai zu finden. Unter allen Schicksalen, durch die das Judentum hindurchgegangen ist, war das Schicksal der Emanzipation das folgenschwerste. Es traf unsere Seele — alle andern nur unsern Körper. Als das 19. Jahrhundert anhob, hatte das Christentum schon zwei Jahrhunderte mit dem Geiste der Neuzeit gerungen, mit dem Geiste der Skepsis und der Verwelthchung, mit den Problemen der Natur- und der Geschichtswissenschaft. Es hatte seine religiöse Grundauffassung theologisch und philosophisch zu verteidigen verstanden; Staat und Gesellschaft legten sich schützend in seine Organisationen. Dem Anprall atheistischer Theorien war es nicht wehrlos preisgegeben. Solches geschah aber dem Judentum. Der Übergang vom religiösen Mittelalter zur areligiösen Neuzeit war schroff und un-