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B'nai B'rith · 1923-12-01 · 10 (12.1923) · p. Seite 227

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
10 (12.1923)
Date
1923-12-01
Page
Seite 227 (sequence 9)
Language
German
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227 Auseinandersetzungen und regt die Geister an. Wir lieben an einem Gefährten ein Phlegma, weil es ein Triumph ist, ihn daraus aufzustören und nicht weniger freuen wir uns, wenn ein anregender Gegenstand uns ganz unerwartet an einem Unterredner geistige Freiheit und Kraft entdecken läßt. Einen beständig weisen Menschen gibt es nicht, aber Menschen sind der Weisheit fähig und sie vermag sich unter gegebenen Voraussetzungen zu übertragen. Solcherlei Erziehung und Weiterbildung erscheint wohl als eine wesentliche Aufgabe des Bundes. Der Bildung Ziel aber soll sein, daß man sich, was man auf seinem Boden als wahr erkannt hat, zur Rieht- und Leitschnur im Leben mache und in seiner Befolgung nicht erlahme. Eine allen Brüdern geläufige Verwirklichung des Logengedankens liegt in der philanthropischen Tätigkeit, die, wie sie bisher zu den wichtigsten Aufgaben des Bundes gehört hat, gewiß auch in der Zukunft weiter gepflegt werden wird. Sie beruht auf dem, was wir im engeren Sinne mit Wohltätigkeit und Wohlwollen bezeichnen. Wohltätigkeit an sich wird heute gerade diejenige Hilfe genannt, die den Namen der Tätigkeit am wenigsten verdient. Das bloße Geldgeben ist eine sehr passive Art sich von sozialen Gewissensbissen zu befreien. Philanthropie ist oft nichts als ein Narkotikum und entspringt häufig der Angst der Wohlsituierten vor dem Haß, dem Neid, der Mißgunst, dem Gerede des Volkes; oder ist ein Versuch des Gläubigen, sich mit Gott zu versöhnen. Philanthropie ist unpersönlich, ist Liebe ohne Gegenstand, ist daher eine Sache des Geistes, aber nicht der Seele. Ganz anders steht es mit dem Wohlwollen; ist Philanthropie die ultima ratio unserer Notabeinversammlungen und Gemeindesitzungen, so ist Wohlwollen ein höchst persönlicher Akt, aufblühend aus dem tiefsten Kerne eines gütigen und weisen Herzens. Der Wohlwollende gehört dem positiven Menschentypus an; er übt die Kunst des geistigen Brückenbaues. Indem er sich liebevoll in jede Eigenart versenkt, nimmt er die Lebensbewegung des anderen in sich auf und macht sie zu seiner eigenen. Weil der Wohlwollende in seinem Tun nicht durch das Verhalten anderer bestimmt wird, weil er den inneren Schwerpunkt seines liebevollen Handelns in sich selbst trägt, darum ist er ein innerlich Freier. Wohlwollen ist seine Lebensmethode, Wohltätigkeit deren Konsequenz. Wohltaten sind die natürlichen Früchte am Lebensbaum des Wohlwollenden. Da unser Logengedanke im Wesen aktivistisch ist, so ist W o h 1wollen ein Erfordernis des Bundes. Sein Grad entscheidet über den seelischen Rang des Bruders. Das Leben mit Wohlwollen und Hilfe füllen wollen, das ist der vornehmste und klügste Entschluß, den ein Mensch fassen kann. So viel es scheint, ist es einem jeden unverwehrt, in irdischen Dingen klug vorwärts zu streben und auch Sorge zu tragen, daß er einen behaglichen Platz für alte Tage gewinne. Nur darf über diesem Streben das himmlische Feuer in der Brust nicht erlöschen. Und wenn eine große Not an uns herantritt, wenn eine große Not vor uns auffliegt wie ein Hausbrand, lichterloh, und schreit uns an: ,,Gib Dein Herz!" dann gefällt es Gott nicht, wenn e,ner hilft ,,seinem Einkommenentsprechend". Damit, daß einer nicht immer „entsprechend"

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