B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 226 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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226 seine Erfahrungen, sein Geselligkeitstalent in freundlicher Gesellschaft an das helle Tageslicht zu stellen und vor allem seine Gaben gegen die der anderen einzutauschen. Der erste Wink, daß eine gewählte und verständige Gesellschaft zu haben sei, wird mit Freuden begrüßt. Wir sagen, unser Bund habe an der Entwicklung der Menschheit Mitarbeit zu leisten. Die höchsten Entwicklungsstufen, die unsere Phantasie nur ausdenken kann, wurden schon erreicht und der Weg zu ihnen ist offen. Ich nenne nur die großen Religionsstifter, die großen Philosophen, die großen Dichter. Um auf diesem Wege auch nur e inen Schritt vorwärts zu kommen, durch Liebe, Erkenntnis, Tat oder Werk, hat man unendlich viel mit sich und dem, was einem begegnet, zu tun. Alle Großen haben sich mit ihrer Wirklichkeit befaßt, erst nachträglich konnte die Menschheit etwas damit anfangen. Der Stein, von dem Goethe sagte, er habe ihn sein Leben lang einen Berg hinaufzuwälzen gehabt, den hat jeder; meist aber läßt er ihn liegen und spaziert ohne ihn. Und doch brennt in jedem ein Eicht, das zur großen leuchtenden Flamme werden kann. In jedem liegt die Möglichkeit des höchsten persönlichen Wertes, jeder kann aus sich he .aus eine Welt der Vollendung schaffen. Ein jeder wreiß dies. Ein jeder hat geweihte, heilige Stunden der Einkehr in sein besseres Selbst, Stunden der Selbstbesinnung. Jeder sieht, einmal den Weg zu seinem besseren Ich vor sich auftauchen. Einer solchen Erkenntnis aus höheren Stunden in den niedrigen treu zu bleiben und nachzuhandeln, ist die einzige Regel, die keine Ausnahme duldet. Diese innere Stimme, die Stimme Gottes, nicht hören zu wollen, ist die wahre Sünde wider den Geist. Denn nicht Gelehrsamkeit und nicht Wissen ist es, dessen man dazu bedarf. Was bedeutet Wissen? Wie wandelbar ist dieser Begriff und wie fern vom innersten Wesen und Heiligtum des Menschen, nur äußerlich ihm umgelegt, ihm wie ein Mantel um die Schultern geworfen. Es kann einer ein großer Gelehrter sein und weiß nicht einmal mit einem Kinde freundlich umzugehen. Man kann sehr vieles wissen ohne Kenntnis des Notwendigsten. Wichtig ist eben nicht die Quantität des Wissens, sondern die Qualität. Da aber wird Wissen zur Weisheit, Es ist eine hochmütige Anschauung der Zeit zu glauben, daß das Höchste nur wenigen zugänglich sei. Gerade das Gegenteil ist zutreffend. Das Höchste ist jedermann zugänglich, nur in mehr oder weniger tiefem Sinne. Wahre Weisheit schließt niemanden aus. Sie wirkt auf jeden noch so Unbegabten, weil sie ohne viel Beweise auch dort überzeugt, wo die Organe fehlen, um ihren Sinn zufassen. Sie wirkt unmittelbar als beglückende Verdeutlichung dessen, was jeder im Tiefsten peiner Seele als wirklich und richtig ahnt, als Offenbarung des eigenen inneren Wahrheitswissens. Weisheit ist eben kein Können, sondern ein Sein, also ein Zustand, und Zustände beeinflußen unmittelbar: Das Höhere wirkt ansteckend auf das Niedere und wandelt dieses sich selbst entsprechend um. In irgend einer Art ist jeder weise und von jedem sollen Willemen. Jeder trägt ein irgend etwas in unseren Kreis und wäre es auch nur ein Gedankenteilchen, auch nur irgend eine örtliche Kultur. Der unscheinbarste Anlaß leitet mitunter zu den bedeutendsten