B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 225 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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225 beugung, die der Nichtjude vor ihm machte, galt seinen Beutel allein. Durch Geld rettete er sich vor Verfolgung, Raub und Tod. Darum war Geld sein Ziel. In Wirklichkeit aber war er ein ehrfürchtiger, tief religiöser Mensch, dem sein Geld nur ein Zaun um das Judentum war. Unabtragbar bleibt die Schuld der Welt, die das gläubigste aller Völker zum niedrigsten Schacher und Wucher zwang. Das war aber eine gefährliche Morgengabe, die der Jude der neuen Zeit und der geänderten Geisteshaltung entgegenbrachte. Nun hausten Vernunft und Geld in einem Stockwerke. Es lag im Wesen der Aufklärung, daß sie auf das Praktische ging. Das Geld, das früher Mittel war, wurde nun Zweck. Die Gläubigkeit von ehedem zersetzte sich im Rationalismus, das Geld aber, obgleich es nun nicht mehr Lösegeld war, wurde letzter Lebenssinn. Der Mensch dieser Art besitzt nicht mehr das Geld, das Geld besitzt ihn, er liegt unter dem Geldsacke, er hat sich wie der Esel in der Fabel selbst gesattelt und merkt nicht, daß ihn der Teufel reitet. Er ist unfrei geworden und hat seine Seele verloren.*) Unser Bund hat sich Läuterung und Erhöhung des Judentums zum Ziele gesetzt. Das Leitwort unseres Bundes lautet: „Werde zum Segen!" In Anlehnung an den kategorischen Imperativ Kants hat kein geringerer als Br. Expr. Dr. Feith diesen Bundesgedanken in der Festschrift der „Moravia" folgendermaßen formuliert: „Handle so, daß Deine Handlungen zum allgemeinen Gesetz erhoben, alle Vorurteile zerstreuen müssen, die sich an die Fersen des Judentums heften!" Denn der Jude ist in seinem Handeln nicht nur dem Staatsgesetze und der Sitte verantwortlich. Er trägt eine schwere Verantwortung dem Judentum gegenüber. Was iooo Juden Gutes tun, das wird übersehen und vergessen, was ein Jude an Unheil stiftet, das wird dem ganzen Judentum angelastet. Hier kommt zunächst die erziehliche Wirkung in Betracht, die der Orden auf seine Mitglieder ausübt und ausüben soll. Louis Maretzki hat in seiner „Geschichte des Ordens B'nai B'rith" sehr treffend auf die Art der Wirksamkeit des Bundes hingewiesen. „Es vollzieht sich", sagt er, „im Orden der Grundsatz, daß jeder des anderen Lehrer und Schüler zugleich sein soll." In dieser Hinsicht hat unsere Loge stets zu wirken gesucht. Es waren aber in erster Linie Vorträge und Referate durch die den Brüdern Anregungen geboten wurden, und es ist schon oft betont worden, daß die Wirkung vieler Vorträge mehr in einem augenblicklichen ästhetischen Vergnügen als in dauerndem Gewinn sich äußert. Es scheint daher wünschenswert, die geistigen Anregungen in anderer Weise zu vermitteln. Intelligenz, Freude am Lesen, Wißbegier sind zweifellos im Überfluß vorhanden. Aber ein ernsthaftes Gespräch, ein erforderliches, gewinnreiches, ein solches ist selten; und fast jedesmal, wenn man lesenden oder denkenden Menschen begegnet, klagen sie, sie hätten keinen Gefährten, wie wenn dies ein Unglück wäre, das ausnahmsweise sie allein betroffen hätte. Hier erwächst eine Aufgabe. Ein jeder von diesen, die man so sehnlich zu finden wünscht, wünscht gefunden zu werden. Jeder wrünscht seine Gedanken, sein Wissen, *) Exzerpt aus dem Werke: Judentum von Emil Cohn. München, Georg Müller.