B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 10 (12.1923)
- Date
- 1923-12-01
- Page
- Seite 224 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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224 Was zunächst die seltene Struktur seines Geistes betrifft, so war dem Juden von altersher der Glaube an das Forschen als eine gottgefällige Tat und dem Forscher als eine wahrhaft göttliche Erscheinung eingeimpft. Aus der Thoraforschung antiker Zeiten war das Talmudlernen geworden, jene bis ins tiefste Volk gedrungene Leidenschaft des Grübelns über den Spalten des labyrinthischesten Buches, das die Welt kennt. Dieser Glaube an die Macht des Geistes und den ausschließlichen Adel des Geistigen hätte schon für frühere Geschlechter eine Gefahr bedeutet, wenn nicht die lebendige Form des religiösen Lebens allzeit gesunde Schranken gezogen hätte. Diese geistige Struktur mußte aber dem Juden in dem Augenblicke zum Verhängnis werden, wo er mit einem Schlage vor neue Probleme gestellt wurde; dies geschah durch die französische Revolution, die ihn wohl persönlich befreite, aber ihn auf fremden Boden zu einem Kampfe mit alten Waffen gegen den neuen Geist zwang. Es galt die Auseinandersetzung mit der Aufklärung. Damals bot das Judentum der Welt das tragische Schauspiel eines tausendjährigen Volkes, das sich mit glühender Leidenschaft und Hingebung an die Brust der kalten Logik warf, wähnend das warme Herz der Völker an seinem aufgebrochenen Busen zu spüren. Dieses Herz aber war von Stein und hatte für das Judentum kein Verständnis. Der Jude indessen widmete sich mit der ganzen Inbrunst seines Geistes der Aufklärung und wurde der eigentliche Träger des rationalistischen Gedankens. Als ein gott- und geistesgläubiger Mensch steuerte der Ghettojude in den Strudel der revolutionären Ideen hinein, als ein Vernunftgläubiger verließ er ihn. Diese Geisteshaltung ist seitdem vielfach das traurige Erbe der Juden geblieben. Nicht Erneuerung streben solche an, sondern Neuerung. Ihre Waffe ist Kritik, ihr Werk Reform. Sie sind überall um die Fahne des Zeitgemäßen, des Aktuellen, des Neuen und Neuesten geschart. Ihre Kristallisation ist der rationalistisch gerichtete jüdische Literat, dem die ganze Welt ein Stoff ist, daß sein Geist sich daran erprobe. Er ist unschöpferisch, weil überzeugungslos. Begabt mit Scharfsinn, Witz und Temperament, ist er nichts als ein Akrobat und Trapezkünstler des Geistes. Nichts aber ist ehrfurchtsloser als solche^ziel- und zwecklose Geistigkeit. Mommsen hat einmal geklagt, die Juden seien das ewige Ferment der Dekomposition. Das ist ein niederschmetterndes Wort. Glücklicherweise ist es nur zum geringen Teile wahr und trifft nur einen kleinen Teil der Juden. Aber da, wo es zutrifft, setzt auch die Aufgabe des Ordens ein. Er bekämpft solche Auswüchse des Judentums ebenso wie die materialistischen „Nichts als Geldmenschen". Damit kommen wir zu einer zweiten Geisteshaltung, die gleichfalls in den fürchterlichen Gleichberechtigungskämpfen ihren Ausgang nimmt. Das Geld spielte in vergangenen Jahrhunderten eine seltsame und schauerliche Rolle im Leben des Juden. Er kannte kein Geld, nur Lösegeld kannte er und hatte seine Freiheit in ihm allein. Denn er war kein Mensch, sondern ein Ding, eine Ware, die man beschlagnahmen, tauschen, transportieren konnte. Nur durch Geld konnte der Jude seine Freiheit sichern, so war sein ganzes Leben ein Rennen nach dem Lösegeld. Geld war ihm Einfluß. Er wußte genau, die Ver-