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B'nai B'rith · 1923-12-01 · 10 (12.1923) · p. Seite 223

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
10 (12.1923)
Date
1923-12-01
Page
Seite 223 (sequence 5)
Language
German
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können nach Ansicht unserer Gegner die Juden von heute nichts recht machen. Wenn sie reich sind, sind sie Raubvögel, wenn sie arm sind, Ungeziefer. Wenn sie einen Krieg begünstigen, wollen sie die blutigen Kämpfe der Christen zu ihrem eigenen Profit ausnützen. Wenn sie nach Frieden verlangen, sind sie entweder Feiglinge oder Verräter. So oft sie großmütig schenken, so tun sie es aus irgend einem selbstsüchtigen Zweck. Wenn sie nichts geben — was will man denn von einem Juden erwarten? Wird die Arbeiterschaft durch das Großkapital bedrückt, so ist die Geldgier der Juden dafür verantwortlich. Wenn die Arbeiterschaft sich gegen das Kapital auflehnt, werden auch dafür die Juden angeklagt. *) Die Juden sind es, die die anderen Völker beherrschen, während die Arier — natürlich — niemals auf Geld und Geld es wert versessen sind, sondern franziskanische Armut suchen, den Nächsten lieben, das Gewand der Buße tragen und sich in Demut vor Gott beugen, nichts als armselige Knechte Gottes, von den stets reichen Juden in Sklavenketten gehalten und zum Satansdienst des Geldes gegen ihren Willen gezwungen. Studiert man die Gebilde eines antisemitischen Vortrages oder Aufsatzes, so wird man jedesmal auf eine Stelle von gleichsam geringerer Dichtigkeit stoßen, auf eine nebelhafte Stelle und man merkt: Der Apell an Logik, Ideale, Instinkte stockt, es schwingt eben etwas anderes mit, eine seltsame Furcht. Sie kleidet sich gewöhnlich in Versicherungen ein, daß die Juden, die anscheinend als Bürger unter Bürgern leben, eine geheime, aber bewußte Freimaurerei zur Zersetzung der arischen Rasse bilden. Es wird ihnen eine raffinierte, eine mephistoartige Berechnung zugeschrieben. Die Mitarbeit jüdischer Dichter und Schriftsteller an Zeitschriften sei nicht Mitarbeit schlechthin, sondern eine systematische Vergiftung der ahnungslosen Leser, eine unmerkliche, aber stete Dosierung des Giftes. Was ist das? Man nehme das in unzivilisierten Gegenden noch angewandte Argument des Mordes christlicher Kinder hinzu, und des dem Brot beigemischten Blutes und man ertappt den mocornen Menschen auf dem Wege zu Furchtzuständen massenpanischer Art; zu einem Atavismus aus der düstersten Kindheitsepoche des Menschen.**) Gegen solche Vorurteile kann Vernunft nicht aufkommen. Wir wissen, daß dies alles nicht wahr ist. Das hilft uns wohl wenig, muß aber genügen. Anders aber steht es mit der Frage, ob wir selbst uns bewußt sind, daß wir mancherlei an uns auszugleichen haben. Als die kalte Logik der französischen Revolution ihr starres Lineal an die jüdische Frage legte und jene letzte Verbindungslinie zog, die dem Juden die Menschen- und Bürgerrechte gab, trat dieser dem Geiste der Zeit mit zwei eigenartigen Prädispositionen entgegen: Er war auf der einen Seite ein Geistesmensch ausgeprägtester Form und auf der anderen Seite ein ebenso eigenartiger Geldmensch. *) Aus: David Lloyd-George: Gegen den Antisem'.tism is. Neue freie Presse. Nr. 21137. **)Aus: Otto Flake, die fünf Helte: München, Roland Verlag. III, Antisemitismus.

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