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B'nai B'rith · 1923-12-01 · 10 (12.1923) · p. Seite 222

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
10 (12.1923)
Date
1923-12-01
Page
Seite 222 (sequence 4)
Language
German
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222 verloren hat; sie ist vollkommen hemmungslos geworden. Der große intellektuelle Fortschritt hat allgemein auf Kosten des Seelenlebens stattgefunden. Der seit dem 18. Jahrhundert immer mehr sich emanzipierende Verstand hat nach und nach die meisten der seelischen Organe und Gestaltungen, die dem Menschen erst die innere Form geben, abgeschwächt oder zersetzt. Gefährdet sind alle historischen Daseinsformen, von den Glaubensinhalten über die Ehr- und Rechtsbegriffe hinweg bis zu den sozialen Institutionen. Es war ein verhängnisvoller Irrtum dieses Zeitalters, daß es die Freiheit, die der Geist mit Recht verlangt, jene schönste Errungenschaft des sterbenden 18. Jahrhunderts auf das Seelenleben tibertragen hat. Überall gilt nun der individuelle Verstand als letzte Instanz. Das meiste dessen, was der Verstand verwirft, liegt aber so tief im lieben verankert, daß es auf die Dauer seine Geltung immer wieder erlangt. Was sollte auch geschehen, wenn jeder seinen Kopf durchsetzen wollte? Bestand ist nur da, wo eine Gemeinschaft von seelischen, von sittlichen Intellekten gebunden ist. Denn nicht Verstand- und Verstandeskonstruktionen bestimmen die Lebensgestaltung. Entscheidend ist vielmehr der fixierte Charakter der Seele. Daß es in einer so bedenklich befreiten Welt, auf so vulkanischem Boden Stätten gibt, wo der Mensch dem üblen Gebrodel des Zeitgeistes entrinnen kann, Orte, geweiht durch Traditionen und erlauchte Bestrebungen, wo der einzelne dem Menschlichen, dem Wesentlichen, dem Ewigen Aug in Aug gegenübersteht, ist ein großes, herrliches Labsal. Eine solche Stätte aber ist unser Bund. Sein erster leitender Gedanke gilt dem Streben nach menschlicher Vervollkommnung und Verinnerlichung. Die Besten der Menschheit haben diesem Gedanken gedient, seine Geschichte ist die Geschichte der Menschheit in ihrem besten Kern. Der Weg zur Menschheit führt uns Juden aber über das Judentum. ,,Ben B'rith"-,,Sohn des Bundes" sein, heißt (ohne Verpflichtungdogmatischer Bindung) sich zum Judentum bekennen, heißt irgend eine Treue zum Judentum an den Tag legen. Es ist Aufgabe des Bundes, das Gefühl der Zugehörigkeit zum Judentume unter den Brüdern zu stärken und ihnen zugleich geistige Waffen zu liefern für den Kampf, der in stets unverminderter Heftigkeit gegen die Juden geführt wird. Denn von allen blinden Vorurteilen, die das menschliche Gemüt aufreizen, ist der Antisemitismus das unsinnigste. Er hat keinen Boden in der Vernunft, er wurzelt nicht im Glauben und strebt kein Ideal an. Er gehört eben zu jenem giftigen Unkraut, das im Morast des Rassenhasses wächst. Bezeichnender Weise beschränkt er sich fast ganz auf Völker, die jüdische Propheten und Apostel anbeten, die die nationale Literatur der Juden als die einzige Offenbarung der Gottheit an die Menschheit verehren und deren ganze Hoffnung auf Erlösung in den Verkündigungen und Versprechungen der großen Lehre von Juda ihre Grundlage besitzt. Ausweichem Stamme sind denn sonst die Patriarchen, die Propheten, die Apostel, die Evangelisten, die ersten Märtyrer, ohne daß wir von der heiligen Jungfrau und dem Erlöser sprechen? Und doch

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