B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 192 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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192 klar und erschöpfend behandelt hat, vom Diskussionsredner wieder aufgenommen werden und ohne Anführung von neuen Momenten, fast könnte man sagen in Form eines neuen Vortrages wieder ausgeführt werden. Anderseits erhalten ganz bedeutungslose Dinge eine weitschweifige Behandlung in der Diskussion, wobei oft weniger das allgemeine Interesse als das Sonderinteresse des Diskutierenden mitbestimmend ist. 4. Die Sachlichkeit der Diskussion und deren möglichst schneller Ablauf wird weiter dadurch erreicht werden können, daß der Diskussionsleiter für die Einhaltung einer bestimmten Reihenfolge der behandelten Fragen sorgt. Es sollte nicht ein Diskussionspunkt angeschnitten weiden, solange der vorhergehende nicht erschöpft ist, weil sonst der logische Zusammenhang gestör1: und die Diskussion oft ins Uferlose getrieben wird. Die Nichteinhaltung einer bestimmten Reihenfolge hat häufig das sogenannte „Vorbeireden" der einzelnen Diskussionsredner zur Folge. 5. Den Charakter der Sachlichkeit verleiht der Diskussion weiter die äußere Form der Rede. Kürze, Präzision und logischer Aufbau soll diese vor allem charakterisieren. Der Diskussionsredner muß sich dessen bewußt sein, daß er nur zu einer Diskussionsbemerkung, nicht aber zu einem neuen Vortrag das Wort ergriffen hat. Die äußere Form wird wohl öfters durch das Temperament des Redners eine gewisse Modifizierung erfahren, doch darf dabei nie von der Forderung nach Würde und nach Abwicklung der Wechselrede auf der bereits erwähnten Basis des logischen Streites abgegangen werden. Diese Würde wird besonders durch die richtige Erfassung des Zweckes durch die Diskutierenden zu erreichen sein. Es ist selbstverständlich, daß jeder Redner persönlich beleidigende Formen und Ausfälle vermeiden wird; es ist aber umgekehrt auch notwendig, daß der Angegriffene nicht schon in der bloßen Gegenmeinung eine Beleidigung erblicke. Diskussion ist oft von Kritik nicht loszulösen und berechtigte Kritik darf bei einer Diskussion nie als persönliche Beleidigung angesehen werden. Kritik heißt Beurteilung und enthält somit ein Urteil. Eine Diskussion, die ohne Kritik abläuft und sich nur in ein paar mehr oder weniger umschriebenen Höflichkeitsformen erschöpft, ist wertlos und sollte am liebsten ganz unterlassen werden. Weil aber Kritik ein Urteil enthält, setzt sie die Urteilsfähigkeit des Diskutierenden voraus, vor allem dessen vorurteilsfreie Urteilskraft. Unter dieser Voraussetzung bleibt berechtigte Kritik meist nur auf einen bestimmten Kreis der Zuhörerschaft beschränkt, der jeweils mit dem behandelten Thema wechseln wird. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß nur diesem Teile das Recht der Diskussion eingeräumt werden dürfte; denn es gibt, wie schon oben ausgeführt wurde, noch eine Reihe anderer Grundlagen zur Diskussion, die mehr fragenden als kritischen Charakter besitzen. Kritik in der Diskussion muß sich jeder Vortragende gefallen lassen; denn durch sein öffentliches Auftreten gibt er der öffentlichen Kritik Berechtigung zur Stellungnahme, und eben darum darf er diese, wie immer sie ausfallen möge, nicht als Beleidigung empfinden.