B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 190 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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190 Diskussion die Thesen des Vortragenden in Zweifel gezogen, dann werden ihm erst für den eigentlichen Inhalt die Augen geöffnet, und ohne selbst mit Worten an der Diskussion beteiligt zu sein, wird er doch gedanklich mit in den Widerstreit der Meinungen hineingezogen. Keineswegs müssen aber dadurch seine Anschauungen klar werden, im Gegenteil: gerade dadurch, daß beide Parteien ihre Anschauungen als ,,w?ahr" hinstellen, gelangt der „Indifferente" in ein Dilemma. Dies ist aber nicht immer bedauerlich; denn schon der Zweifel ist von großem. Wert und er regt zum Nachdenken an und nicht allzuselten folgt dieser ersten Anregung dann noch weitere Beschäftigung mit dem Thema, die weiter Beiträge zur Klärung dieser Frage bringen kann. Die Diskussion kann aber, wie erwähnt, auch für die diskutierenden Parteien von Wert sein. Denn wie der fachlich geschulte Zuhörer durch den Vortragenden neue Beiträge zur betreffenden Frage erhält, die seine Anschauungen korrigieren und erweitern können, ebenso kann auch der Vortragende selbst durch die gegebene Meinung des Diskutierenden im günstigen Sinne beeinflußt werden; denn mag er auch durch selbstgestellte Einwände und deren Beantwortung seiner Lehre möglichst weitgehende Objektivität gewähren, der Einwand des Gegners vermag dies meist noch besser und eröffnet ihm oft eine Gedankenreihe, an die er selbst nicht gedacht hat. So bringt die Diskussion für die daran persönlich Beteiligten eine ganze Reihe von Vorteilen mit sich, die schließlich in letzter Linie der behandelten Frage selbst zu gute kommen müssen, da diese als Resultat solcher Diskussionen der Lösung oft um ein beträchtliches Stück näher gerückt wird. Schon diese hier angeführten Momente zeigen, wie sehr erst die Diskussion dem Vortrage ein Vorrecht vor der Lektür einräumt. Dieses Vorrecht wird noch besonders dadurch unterstützt, daß der eine Frage Studierende sich bei der Lektür des Buches wohl seine Meinung machen wird, die oft dem Gedankengang des Autors folgt, ebenso oft aber von dieser abweichen kann. Der Lesende wird aber doch wohl selten die Möglichkeit finden, seine gewiß oft wertvolle gegenteilige Anschauung zu Gehör zu bringen, da er wohl nur selten in der Lage ist, eine Gegenschrift oder Ähnliches zu verfassen. Schließt sich nun aber der mündlichen Mitteilung des Themas durch den Vortragenden eine Diskussion an, dann wird ihm die Möglichkeit geboten, hier auch seine Anschauungen zu äußern, und damit werden alle jene Möglichkeiten eingeleitet werden, die wir oben als günstige Folge der Diskussion besprochen haben. Diese Ausführungen zeigen schon, daß der Vortrag erst durch die Diskussion jene Bedeutung erlangt, die ihm im Sinne unserer Statuten zukommt. Trotzdem möchte ich dies alles nicht für Diskussionen schlechthin gelten lassen, sondern nur für sachgemäße Diskussionen. Die Durchführung einer sachgemäßen Diskussion ist aber nicht immer leicht und sie bedarf einer zielbewußten Leitung. Daraus ergibt sich die weitere Notwendigkeit, daß von jenen Stellen, die für Vorträge und Diskussionen sorgen, auch für eine richtige Diskussionsleitung Vorsorge getroffen werde