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B'nai B'rith · 1923-10-01 · 8 (10.1923) · p. Seite 185

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
8 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 185 (sequence 23)
Language
German
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185 Sehr häufig ist die ,,Berufung des Vortragenden" an den Wunsch geknüpft, den Schöpfer eines Werkes, einer Dichtung, einer wissenschaftlichen oder kulturellen Idee persönlich kennen zu lernen und ihn als den Interpreten seiner eigenen großen Gedanken mit seinen eigenen Worten zu hören. Es wird wohl niemand die Berechtigung dieser Forderung leugnen, soweit sie eben dem Interesse des persönlichen Kennenlernens entspricht. Keineswegs muß aber damit auch i m m e r dem eigentlichen Zwecke des Vortrags gedient sein; denn es ist ja vielfach bekannt, daß der geistige Urheber einer Idee, einer Dichtung etc. keineswegs auch immer ihr bester Interpret ist, ja daß umgekehrt die schönsten Worte, die die Phantasie des Lesenden zur schönsten Bildgestaltung anregen, durch die Art ihrer lauten Wiedergabe arg zerstört werden können. Hierfür sind wohl ähnliche Bedingungen gegeben, wie für die Illustrierung eines Buches, die oft nur dem Können und dem Gedankengang des illustrierenden Malers, keineswegs aber der des Dichters oder auch nur der des „Lesenden" entspricht. Größte Künstler schaffen, da wohl oft ein Kunstwerk als Gemälde, doch nur ein Kunstwerk an sich, nicht aber als bildliche Darstellung der Gedanken des Dichters. Zweifellos kommt dem Vortrag allenthalben eine große Bedeutung zu für die Wiedergabe des geschriebenen Werkes, doch ist es kaum richtig, daß der „Vortrag allein des Redners Glück bedeute," wenn hier Vortragskunst mit rednerischer Tüchtigkeit allein identifiziert würde. Denn auch hier entspricht die kunstvollste Sprache nicht immer den Feinheiten dichterischen Denkens und Empfindens. Es ist bekannt, daß sich Dichter gar oft über die Wiedergabe ihrer Dichtungen selbst durch hervorragende Rezitatoren beklagen. Erweitern wir dies alles auf das Gesamtgebiet der Vortragsthemen, so ergibt sich daraus die Forderung, daß der Vortragende niemals nur niedergeschriebene Gedanken eines andern wiedergeben darf. sondern daß er über der Materie stehen muß. Gibt er dabei nicht ganz seine eigene Schöpfung wieder, dann muß er auf dem vorgetragenen Gebiete — welcher Art es auch immer sei — soweit fachlich geschult sein, daß er an dem betreffenden Inhalte stets berechtigte sachgemäße Kritik üben kann, daß er überhaupt von dem betreffenden Thema mehr wisse, als das, was dem Inhalte seiner gesprochenen Worte entspricht. Nur dadurch erlangt die Forderung nach dem Vortragenden ihre Berechtigung. Dort wo dieser Voraussetzung nicht entsprochen werden kann, bleibt immer der Vortrag hinter der Lektür der schriftlichen Behandlung des Themas als deren nicht vollwertiger Ersatz zurück. Denn nur durch die oben wiedergegebenen Bedingungen erlangt das tote Wort lebendige Gestaltung: eine kleine erläuternde Bemerkung, eine kurze Interpretation durch den Vortragenden, die vielleicht bei der Lektüre stören würde, macht dann oft das Thema der Allgemeinheit erst verständlich. Hierin äußert sich dann meist die Persönlichkeit des Vortragenden besser als in dem — oft übertriebenem Pathos seiner Worte. Das richtige Maß allein bedeutet hier des Redners Glück!

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