B'nai B'rith
- Journal
- B'nai B'rith
- Volume
- 2 (1923)
- Issue
- 8 (10.1923)
- Date
- 1923-10-01
- Page
- Seite 181 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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181 aber nach und nach habe ich einsehen gelernt, daß sie stets Recht gehabt haben." Emil Spiegel hatte zwei ältere Brüder, Universitätsprofessor und Senator Ludwig Spiegel und den Advokaten Karl Spiegel. Zwei Schwestern waren in jungen Jahren gestorben. Emil Spiegel besuchte die Volksschule in Prag, dann das Neustädter Gymnasium und später die Prager deutsche Universität, wo er zum Dr. juris promoviert wurde. Er hörte als Jurist auch die üblichen philosophischen Kollegien, welchen er aber auf Grund seiner gründlichen philosophischen Vorbildung vielfach kritisch gegenüberstand. Er trat als Konzeptspraktikant bei der Prager Finanzlandesdirektion ein und wurde später als Konzipist nach Komotau versetzt. Er galt hier als einer der befähigtesten Beamten, der seine Arbeit stets zur vollsten Zufriedenheit seiner Vorgesetzten erledigte. Er avancierte zum Kommissär und wurde auch in die Kommission für die Prüfung von Finanzbamten ernannt. Er war im Gebührenfach tätig. Seine angegriffene Gesundheit, die unter den Anstrengungen des Dienstes litt, die seelische Depression, hervorgerufen durch die ungeheure Arbeitslast, die auf ihm ruhte, und die trockene Art der Arbeit selbst, die ihm wohl keine seelische Befriedigung gewährte, ließ in Spiegel den Entschluß reifen, aus dem Staatsdienste auszutreten und sich ganz der Laufbahn eines Privatgelehrten zu widmen. Seine Neigungen' waren ursprünglich wesentlich belletristisch. Seine Lieblinge waren Goethe, Gottfried Keller und Willelm R a a b e. Allmählich wandte er sich immermehr der Philosophie zu, die ihn schon im Gymnasium mächtig gefesselt hatte. Hier waren seine ersten Lieblinge Hieronymus Lorm, den ich bereits zitiert habe, und G i z y c k i, dessen Ethik er viel Anregung verdankte; ebenso J o d 1, dessen Vorlesungen er gehört hatte. Anläßlich eines Vortrags in Prag lernte er Hermann Cohen kennen, dessen Philosophie und sittliche Persönlichkeit bestimmend für sein weiteres Denken geworden ist. Im Jahre 1913 trat er in die Loge Bohemia ein. Man erkannte bald seine Arbeitskraft und seine besondere Fähigkeit für eine wirksame Tätigkeit in der Loge und auch er erkannte bald, daß er den ihm angemessenen Wirkungskreis gefunden hatte. Über seine segensreiche Wirksamkeit im Orden selbst wird hier noch berichtet werden. Bruder Spiegel war stets kränklich gewesen. An ein ernstes Leiden dachte er wohl nicht. Er hatte den Urlaub seines letzten Sommers bei guter Laune in Marienbad zugebracht. Nach Prag zurückgekehrt, erlitt er in den ersten Augusttagen einen Anfall von Herzschwäche. Einige Tage darauf erfaßte ihn ein neuer Anfall, dem er erlag. * * * Liebe Brüder, Bruder Emil Spiegel ist nicht mehr. Wir werden nicht mehr seine klugen Worte hören. Er wird uns nie mehr anfeuern und ermahnen, niemehr belehren und überzeugen. WTir können uns heute noch nicht recht unsere Sitzungen ohne ihm vorstellen. Er war ja immer unter uns, fehlte beinahe bei keiner Sitzung und auch bei keiner Komiteesitzung; und wenn er einmal, etwa im Komitee für geistige Interessen, nicht anwesend war — und dies war wohl nur der Fall, wenn ernste Erkrankung oder andere Arbeit