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B'nai B'rith · 1923-10-01 · 8 (10.1923) · p. Seite 180

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
B'nai B'rith
Volume
2 (1923)
Issue
8 (10.1923)
Date
1923-10-01
Page
Seite 180 (sequence 18)
Language
German
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180 die tiefste Dankbarkeit bewahren. Bruder Dr. Spiegel hat hier in unserer Mitte das Glück einer ihm adaequaten Betätigung gefunden; aber er hat sich königlich revanchiert. Er sorgte gewissenhaft und mit Feuereifer dafür, daß die Wege, die zwischen unserer praktischen Ordenstätigkeit und dem jüdischen Sittengesetze führen, niemals verschüttet, niemals vernachlässigt würden In dieser seiner Wirksamkeit entfaltete sich der ganze Zauber seiner Persönlichkeit, deren hervorstechendste Merkmale Gewissenhaftigkeit und Geist waren. Diese Gewissenhaftigkeit, die den Grundzug seines Charakters bildet, machte ihn streng in der Sache und vornehm in der Form. Gewissenhaftigkeit treibt zum Kampfe, denn sie verlangt sachliche Unbedingtheit und Unnachgiebigkeit. Aber Gewissenhaftigkeit dem Neben menschen gegenüber macht objektiv und Objektivität lehrtFreunde und Feinde verstehen, und Verständnis für den Feind veredelt den Kampf. Es war ein hoher Genuß, zu beobachten, wie Bruder Spiegel Unbedingtheit der Überzeugung mit Vornehmheit in der Führung des Kampfes für diese Überzeugung vereinigte. Der formale Grundzug seiner Persönlichkeit war der Reichtum seines Geistes. Alle Betätigungsformen des Geistes waren ihm Untertan: der Witz, die schlagende Antithese, die das wesentliche scharf heraushebende Anekdote, die Prägnanz der Darstellung und vor allem die künstlerische Form. So führte ihn seine Begabung selbst zur Form des Gedichtes, des Gedankengedichtes und vor allem des Epigramms. Gerade in dieser Dichtungsart hat er sich mit besonderen Erfolgen betätigt; er hat eine ganze Reihe glänzender, schlagender Epigramme geschaffen, er ist auch vor vielen Jahren wegen seiner Epigramme bei einem Wettbewerb mit einem Preise ausgezeichnet worden. Bedenkt man einerseits seine jüdisch-religiöse Gesinnung, weiters sein tiefes und reiches jüdisches Wissen und endlich die typischjüdische Art seines Geistes, so darf man ihn wohl als einen Volljuden bezeichnen, als den Juden, in welchem sich in seltener Art die geistigen Vorzüge unseres Stammes vereint haben. * * * Ich glaube Ihnen, liebe Brüder und verehrte Trauergäste, im Vorhergehenden ein kurzes Bild von der Weltanschauung, der Wirksamkeit und der Persönlichkeit unseres Bruders Spiegel, um den wir hier trauern, gegeben zu haben und will ihnen noch zum Schluß die wichtigsten Daten über sein Leben mitteilen. Emil Spiegel war im Jahre 1869 in Prag geboren. Seine Famüie stammte aus Kolin. Sein Vater war früher Advokat in Reichenau a. K. gewesen, übersiedelte dann nach Prag, wo er die Notariatspraxis ausübte. Der Notar Jonas Spiegel war ein überaus rechtlicher Mann, der in Prag wegen seiner ganz ungewöhnlichen Gewissenhaftigkeit bekannt war. Die Mutter Emil Spiegels, Rosa, war eine geborene Horb. Von ihr hat Emil Spiegel seine künstlerische Begabung geerbt. Dr. Emil Spiegel war zeitlebens von tiefster Verehrung für seine Eltern erfüllt. Er pflegte zu sagen: „Ich habe in meiner Jugend manches nicht verstanden, was meine Eltern verlangt und gedacht haben,

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